Hermann-Hesse-Museum Calw am 01.04.2017

Sonderausstellung „Eine Mythologie des Tessins“ – Teil I

Die Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ hat Hermann Hesse 1919 in seiner neuen Heimat im Tessin verfasst. Sie trägt starke autobiografische Züge. Die Schauplätze dieser Geschichte sind in Collina d’Oro sowie anderen Orten in der Umgebung angesiedelt. In diesem Umfeld nutzt die Hauptfigur, der Maler Klingsor, seine letzten Tage und Nächte, welche ihm noch verbleiben, um – fast schon gierig – die Zeit des Sommers letztmals intensiv zu leben – im Wechselspiel zwischen künstlerischer Inspiration und hedonistischer Lebensfreude.

Die italienischen Künstlerin Dominique Fidanza, die ihre Werke unter dem Pseudonym „Sighanda“ präsentiert, begab sich auf Spurensuche zu Hesses Erzählung und hielt ihre Erlebnisse in einer Art bebildertem Reisetagebuch fest.

Traumhafte Landschaften, malerische Gebirgsketten und ein Hauch von Sommer – „Eine Mythologie des Tessins“ und „ Klingsors letzter Sommer“. Dies alles hat Sighanda sehr beeindruckend und mitreissend illustriert (zum Vergrössern bitte anklicken) :

Zu sehen sind Ihre Aquarelle derzeit in einer Sonderausstellung im Hermann-Hesse-Museum in Calw, seit Sonntag, 26.03.2017.

„Ihre Kunstwerke stehen in einem interessanten Dialog mit Hesses Texten und Bildern aus dem Tessin. Für diesen Dialog stellt die Sparkasse Pforzheim Calw der Ausstellung 15 Aquarelle Hesses aus ihren Sammlungen zur Verfügung.“

Ich habe heute die Ausstellung besucht und mich wieder dem Flair des zauberhaften Tessins hingegeben.

Ein paar Eindrücke aus dieser wunderschönen Ausstellung habe ich für euch mitgebracht – also, nur hereinspaziert:

 

Das ist Sighanda und mit ihr begeben wir uns nun auf Spurensuche 🙂

 

… zunächst nach:

 

Seine „alte, noble Ruine“, das Casa Camuzzi in Montagnola und sein Balkon … wie Sighanda es sah …   🙂

 

 

… und hier die Maluntensilien von Herrmann Hesse:

… und damit malte er Aquarelle, so wie er das Ganze sah 🙂

 

Der Luganer See, gemalt 1923:

 

So, und im nächsten Teil geht es dann um Louis den Grausamen  … 🙂  

 

„Eine Mythologie des Tessins“ – Teil II

Louis der Grausame … gemeint ist:
Louis Moilliet (1880 Bern – 1962 Vevey), Schweizer Expressionist, Mitglied der Künstlervereinigung Der blaue Reiter und Freund Cuno Amiets, hatte 1914 die legendäre Tunisreise mit August Macke und Paul Klee initiiert. 1919 besuchte er Hesse und malte zusammen mit ihm in und um Montagnola.

Beide waren in lebenslanger Freundschaft miteinander verbunden. Hesse bekannte, Moilliet „hatte in der Zeit, wo ich halb Maler war, Einfluss auf mich“. Er verewigte ihn als Louis der Grausame in der Erzählung Klingsors letzter Sommer, „der seine Kunst ganz verstand, dessen eigene Kunst der seinen nah und ebenbürtig war“.  ( https://www.hermann-hesse.de/node/1435 )

Er leistet ihm mitunter Gesellschaft. „Louis der Grausame, der ein unstetes Wandervogel-Leben führende Malerkollege, mit dem Klingsor nicht nur seine Kunstauffassung, sondern auch seine Vorliebe für die „heiteren Dinge“ des Lebens wie Mailänder Schnitzel, Birnen mit Gorgonzola oder Benediktiner teilt. Klingsor leidet bisweilen darunter, dass sein Freund Louis für die ihm selbst eigene Schwermut und Larmoyanz wenig Verständnis aufbringt und sich davon zwischendurch immer wieder zur Abreise genötigt sieht.“
( http://www.linkfang.de/wiki/Klingsors_letzter_Sommer#Klingsors_Lebensstil )

 

 

„Die Tage verbringt er mit rauschhafter Hingabe an seine Kunst. In grellen Farben malt er die Landschaft „in jenen südlichen Gegenden um Pampambio, Kareno und Laguno“ mit ihren „Judasbäumen, Blutbuchen und Eukalyptus“.

Und Sighanda malte es so ….

 

….  „Die glühenden Tage wanderte ich durch die Dörfer und Kastanienwälder, sass auf Klappstühlchen und versuchte, mit Wasserfarben etwas von dem flutenden Zauber aufzubewahren; die warmen Nächte sass ich bis zu später Stunde bei offenen Türen und Fenstern in Klingsors Schlösschen und versuchte, etwas erfahrener und besonnener, als ich es mit Pinsel konnte, mit Worten das Lied dieses unerhörten Sommers zu singen.“  (Hermann Hesse)  …

 

Albogasio, 1925 – Aquarell von Hermann Hesse:

 

Reben bei Bigogno, 1919:

 

Blühende Pfirsichbäume, 1924:

 

Barbengo, 1924:

 

Landschaft im Tessin, 1924:

 

Bosco Luganese, 1925:

 

MONTAGNOLA :

 

Haus am Weinberg, 1926:

 

Tessiner Bergdorf, 1929:


Übrigens, die Farben hatten für Hermann Hesse eine grosse Bedeutung. Die Farbe ROT zum Beispiel:

„Ganz besondere Bedeutung kommt dabei der Farbe Rot in all ihren Nuancen zu. Man trifft in der Erzählung auf rote Blumen, Dachziegel, Berge, Kirchen und Straßen. Auch trifft man diese Farbe beim Wein an, den Klingsor und seine Freunde stets in großen Mengen tranken, vor allem aber auch bei der „roten Königin“ von Kareno. Die rote Farbe symbolisiert Leidenschaft, Liebe und flammende Jugend jedoch auch Aggressivität und Wut. Und beide Züge sind bei Klingsor zu finden. Die Liebe und Leidenschaft den Frauen und der Natur gegenüber, die Wut und die Aggressivität kommt stark zum Vorschein gegenüber dem Tode und als er sein Selbstporträt malte. Die Sinnlichkeit und die Lebenslust, welche ebenfalls in der Farbe rot verkörpert werden, verwendet Klingsor als Waffen gegen den Tod. „Purpur war Leugnung des Todes, Zinnober war Verhöhnen der Verwesung“.  (http://www.linkfang.de/wiki/Klingsors_letzter_Sommer#Die_Farben)

Hermann Hesse und die Natur …

 

Gärtnerei, 1919:

 

Fotoserie von Martin Hesse:

„Eine Mythologie des Tessins“ – Teil III

Im dritten und letzten Teil meines Museumbesuches war ich besonders berührt … meine eigenen Erinnerungen drängten sich nun vehement in den Vordergrund. Hatte ich doch eine ähnliche Erkundungsreise durchgeführt und sehr genossen. Hier hatte ich ausführlich darüber berichtet:
https://seelenglimmern.com/reisen/tessin-montagnola-2012/

Ach ja, Hermann Hesse und seine Grotti, diese typischen tessiner Waldschenken …

„Zu Hesses Abendprogramm gehörte oftmals auch ein Besuch der Tessiner Waldschenken, der Grotti (wörtlich: Grotten). Ursprünglich wurde in diesen Felsenkellern lediglich der Wein gelagert, doch im Laufe der Zeit ging man dazu über, Weinkäufern ein Glas Wein mit etwas Brot und Käse anzubieten, und so entwickelten sich die Grotti zu einfachen Gastschenken, in denen man von alten mächtigen Bäumen umringt in angenehm schattig-kühler und gesunder Waldluft heute auch warme Gerichte genießen kann. Im Grotto Circolo Sociale hängt links an der Fassade die Kopie einer Fotografie aus dem Jahre 1929, die Hermann Hesse mit seiner Frau Ninon und einem unbekannten Mann beim Weintrinken in diesem Grotto zeigt. Hier sowie im unmittelbar benachbarten Grotto Cavicc, das der Weinfreund Hesse ebenfalls häufig aufgesucht hat, wird der Wein aus kleinen Keramikschalen getrunken, was – wie wir seinen Gedichten über die Tessiner Waldschenken entnehmen können – auch schon bei Hesses abendlichen Treffen mit Bacchus üblich war. “  🙂
http://stefanbarme.com/files/1441692896.pdf )

Nun aber wieder zurück zum Museumbesuch:

 

 

Sighanda malt und berichtet:

Tavolozza Klingsor

 

Grotto Morchino:

 

… und so malt es Hermann Hesse:  Grotto ….

 

… und dann wieder Sighanda:

 

 

 

„Oh du, der du beim vollen Becher sitzest …“  – man findet sein Foto überall. Auch ich habe es damals fotografiert 🙂

 

 

Dann war da noch der Tag in Careno:

 

„Der Tag in Kareno

Einen Höhepunkt der Erzählung stellt der Kareno-Tag dar. Unter nur durch seine Bekannte Ersilia gelegentlich aufgehellten Gesprächen über Tod und Vergänglichkeit wandert Klingsor mit Freunden hinüber in das Städtchen Kareno, um dort die „Königin der Gebirge“ zu besuchen, eine Frau von „schlank elastischer Blüte, straff, federnd, ganz in Rot, brennende Flamme, Bildnis der Jugend“. Den Nachmittag und den Abend verbringt man bei Brot und Wein in froher Runde und geistiger Verbundenheit, die Hesse eindrucksvoll gleichnishaft beschreibt: „Vögel in goldenem Käfig (…) sangen exotische Lieder (…) Antwort kam von Stern und Mond, von Baum und Gebirg, Goethe saß da und Hafis, heiß duftete Ägypten und innig Griechenland herauf, Mozart lächelte, Hugo Wolf spielte den Flügel in der irren Nacht.“

In einem kurzen Brief an Edith verteidigt Klingsor später die Liebe in jeder Gestalt und in den Wandlungen lebendiger Gefühle.“  ( http://www.linkfang.de/wiki/Klingsors_letzter_Sommer#Der_Tag_in_Kareno )

Die Königin der Gebirge im roten Kleid ist Ruth Wenger, die zukünftige Ehefrau von Hermann Hesse.

 

 

Carona, Loggia-Haus – Hermann Hesse malte es 1923:

 

Sighanda stellte alles so dar:

 

Ciona, Grotto  …  wieder ein Grotto!

 

Hier zwischendurch Hesses Eintrag im Gästebuch der Casa Constanza am 22.07.1919:

 

Die Illustration „Klingsors Pastellfarben“ von Sighanda:

 

… und wieder Carona, die Piazza Montagnola:

 

 

„Hier musste es sein, hier wohnte sie. Das Haus schien aber ohne Tor zu sein, nur rosig gelbe Mauer mit zwei Balkonen, darüber am Verputz des Giebels eine alte Malerei: Blumen blau und rot und ein Papagei.“  (Hermann Hesse):

 

In Ciona:

„Aus einem finstern Steinraum wie aus Höhlen der Urzeit trat ein Weib, die Mutter (…). Aus schmutzigen Kleidern stieg der braune Hals, ein festes breites Gesicht, sonnenverbrannt und schön, breiter voller Mund, grosses Auge, roher süsser Liebreiz, Geschlecht und Mutterschaft sprach breit und still aus grossen asiatischen Zügen.“

Ciona, Casa Rossa

 

Damit endet nun die Erkundungsreise mit Sighanda. Wer mehr über sie wissen möchte, blicke zurück … in meinem Blog! Hier hatte ich über sie berichtet:

https://seelenglimmern.com/2017/03/23/sighanda/

Kleiner Nachtrag – Ersilias Lied

“ „Ich werde doch wieder malen,“ sagte Klingsor, „schon morgen. Aber nicht mehr diese Häuser und Leute und Bäume. Ich male Krokodile und Seesterne, Drachen und Purpurschlangen, und alles im Werden, alles in der Wandlung, voll Sehnsucht, Mensch zu werden, voll Sehnsucht, Stern zu werden, voll Geburt, voll Verwesung, voll Gott und Tod.“

Mitten durch seine leisen Worte und durch die aufgewühlte trunkne Stunde klang tief und klar Ersilias Stimme, still sang sie das Lied vom bel mazzo di fiori vor sich hin, Friede strömte von ihrem Liede aus, Klingsor hörte es wie von einer fernen schwimmenden Insel über Meere von Zeit und Einsamkeit herüber. Er drehte seine leere Weintasse um, er schenkte nimmer ein. Er hörte zu. Ein Kind sang. Eine Mutter sang. War man nun ein verirrter und verruchter Kerl, im Schlamm der Welt gebadet, ein Strolch und Luder, oder war man ein kleines dummes Kind?“ (Textauszug aus „Klingsors letzter Sommer“)

Übrigens, wer das Buch noch nicht kennt, kann es hier lesen:
http://gutenberg.readingroo.ms/4/2/3/3/42338/42338-h/42338-h.htm

Nun aber das Lied. Der kleine Blumenstrauß ist ein italienisches Volkslied , von einem anonymen Autor 1904 komponiert. Dieses Lied, obwohl es keine Beziehung zum Krieg hatte, wurde von den Alpini (italienische Gebirgsjäger) während des Ersten Weltkrieges gesungen und wurde seitdem berühmt. 

Das Lied veröffentlichte  Gigliola Cinquetti im Jahr 1972 in einem Album.