Hermann Hesses Erleuchtung/Daniel Herbst

In diesem Augenblick verdeutlicht es mir wieder, dass ein gewisses „Vorwissen“ erforderlich ist, wenn man solch ein Buch liest.

Dieses Wissen „hole“ ich mir aus geeigneter, erklärender Literatur, während ich dieses Buch lese … das dauert!

Es ist wundervoll, in diesem Buch zu lesen – für mich eine Herausforderung an mein Verständnis.

„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei.

Das Ei ist die Welt.

Wer geboren werden will,

muss eine Welt  zerstören.

Der Vogel fliegt zu Gott.

Der Gott heisst Abraxas.“

(Hermann Hesse/Demian)

Ich habe mich zunächst einmal damit beschäftigt, wer Abraxis ist und wie Hesse dazu kam, über ihn zu schreiben ….  nun kann ich im Buch weiterlesen, hier ein Textauszug:

„Abraxas ist der eine Gott, in dem sich das Unbewusste mit dem vereint, was bereits bewusst geworden ist. Er ist der Gott, der sich selbst nicht erklären aber erkennen kann. Er entzieht sich der Beweisbarkeit, weil alles, was bewiesen werden kann, relativ und damit auffindbar ist. Zwar lässt sich Abraxas überall finden, aber nur, wenn Er an keinem bestimmten Ort vermutet wird.

Abraxas dringt in den Raum der Wirklichkeit vor und macht sich als das Wesentliche der Existenz sichtbar, wenn sich alle hoffnungsvollen Vorstellungen von einem Erlösung versprechenden Gott verflüchtigt haben.

Damit ist Er die sich offenbarende Wirklichkeit, die sich dem Realisten allein deshalb nicht erschliessen kann, weil der Realist nur das für wirklich hält, was er sich erklären kann. Der Realist glaubt nur an das, was sich als Realität objektiv nachvollziehen lässt. Damit lebt er auf einer zweiten Ebene und verwechselt das, wovon er sich ein bildhaftes Modell gemacht hat, mit der Wirklichkeit an sich. Das berührt die Wirklichkeit nicht, weil sie nicht ist, was sie dem Bild (des Menschen) nach zu sein scheint.

Alles, was einer Erklärung bedarf und gewusst werden kann, kann aus sich selbst heraus nicht wirklich sein.Derjenige, der sich etwas zu erklären versucht, ist in Wirklichkeit die Quelle, die über sich selbst fantasiert – unbewusster Abraxas, der sich selbst nicht kennt, aber verstehen will – und an diesem Versuch scheitern muss.

Diese Spaltung führt zu einem Geist, der sein relatives Wissen in den Stand des zweifellosen Glaubens überführen will und dadurch zum Wissenschaftsgläubigen wird. Der Realist glaubt an eine Realität, die er objektiv nennt. Er will und kann nur das glauben, was er mit Gewissheit weiss, das, was er sich beweisen kann. Deshalb kann er nur in Erfahrung bringen, was er für „objektiv“ relevant hält. Der Realist hält es für erstrebenswert, das Leben zu objektivieren – und so kann ihm nichts anderes zu Bewusstsein kommen.

Das macht aus ihm jemanden, der sich dem Leben gegenüber taub stellt, es macht aus ihm jemanden, der sich der Unmittelbarkeit aus Angst entzieht. Ein solcher Mensch hält alles, was sich gedanklich nicht thematisieren lässt und somit in kein Schema passt, für abwegig. Deshalb leugnet er jede Wirklichkeit, die sich weder berechnen noch beweisen lässt.

Der geistig Gespaltene besteht darauf, dass er allein in der Lage ist, den Wirklichkeitsgehalt der Wirklichkeit zu beurteilen. Das macht deutlich, dass er sich insgeheim vor sich selbst fürchtet, vor allem, was er „sonst noch“ ist.“

Soviel Bedenkenswertes zunächst mal über den Realisten ….