Immer nach Hause/Thomas Lang

„So nicht, mein Lieber!“

„So nicht, mein Lieber!“   … das hätte sie sagen sollen! Er aber auch. Manches in diesem Buch ist schon sehr bedrückend, wenn ich es lese und und dann wieder überlege, ob ich besser darauf verzichten sollte. Aber es ist ein gutes Buch und der Autor hat sehr sorgfältig und tief recherchiert. Wieviel Fantasie er dabei nun eingebracht hat – es ist schliesslich ein Roman – kann ich nicht beurteilen. Seine Vorstellungen aber kann ich nachvollziehen. Es war eine andere Zeit, die Protagonisten waren anders erzogen. Insbesondere Hermann Hesse hatte eine sehr unglückliche Kindheit, die ihm bis zum zum Ende seines Lebens nachhing.

Wie es damals bei den Hesses zuging, konnte der Autor Thomas Lang grösstenteils ja nur erahnen – besonders folgende dramatische Szene – denn er war ja nicht dabei:

„Szenenwechsel. Schlafzimmer der Ehegatten. Hesse öffnet die Tür und tappt herein. Sorgfältig entkleidet er sich, legt Hose, Hemd, Socken und Unterzeug ordentlich auf einem Stuhl ab. Auf dem Nachttisch wartet sein hübsches Arsenal an Arzneien. Mia schläft halb, als er sich zu ihr legt. Sie wirkt steif. Das kommt von der Sperre im Kreuzbein. Die Ischias. So sagt man neunzehnhundertsieben: die Ischias. Der Tessin. Hesse legt sich löffelweise. Er spürt ihren Arsch. Automatisch wird sein Penis steif. Er streichelt ihre Seite, ruckt an der oberen Hüfte. Sie dreht sich zu ihm um. Er klappt die Bocksfüsse weg. Ihre Hände finden sich. Die Finger beginnen ein nervöses Spiel. Die Zahnräder schnurren lautlos, eins bewegt das andere. Die Gatten reden nicht, auch das ist eingeübt, Teil des Programms. Er nimmt seine Hand fort. Er berührt ihren Nacken. Dort verweilt die Hand kurz, wandert dann weiter über die Schulter zu ihrer Brust. Die Hand drückt den Busen. Das entfesselt seine Lust. Hesse, Hermi, Herr H, zieht die immer noch unbeweglich wirkende Frau an sich, drückt sich gegen sie. Er schiebt die Linke unter ihr durch und packt ihre Backen, er zielt mit seinem Steifen ins Schwarze. Sie ist für ihn offen. Es fehlt noch eine Vierteldrehung. Die nehmen sie gemeinsam vor, schön vordichtig, damit der Schmerz nicht ihre Rechnung durchkreuzt. Die Frau liegt schliesslich auf dem Rücken, er obenauf. Sie empfindet wenig Lust. Er ist wie von Sinnen.
Nur einmal, während sie sich physisch treu sind, nimmt er sie wahr, als sie die Hände gegen seine Hüften stemmt. Das ist eine Variante. Vielleicht will sie verhindern, dass er zu tief eindringt. Vielleicht will sie ihn in eine Stellung und in einen Rhythmus bringen, der ihr mehr Vergnügen macht. Vielleicht will sie ihn wieder draussen haben. Kurz ist er bestürzt. Er denkt, dass sie es weiss. Sein Schnäbi hat ihr geflötet, was letzte Nacht geschehen ist. Nun wird sie ihn abwerfen und ihm schlimme Vorwürfe machen. Ein weiteres Räderwerk setzt sich in Gang. Darin sind Falsch und Richtig mit Gut und Böse so unpassend verzahnt, dass es dauernd hakt. Nein es geschieht nichts, sie ahnt nichts. So ist es schlimmer, so folgt dem Falschen eine Eigenstrafe. Schon jetzt weiss er, dass sich so etwas wie die Nacht mit Daphne nicht wiederholen wird. All das reist wieder in den Hintergrund. Nachdem er gekommen ist, lässt Hesse sich schnell zur Seite sinken. Er kann sich nicht mehr um die Lust der Frau kümmern. Ohnehin erscheint es ihm, als wäre sie satt und lächelnd. Er dagegen schämt sich seines Rausches.
Ihren Bahnen folgend, entfernend sie sich voneinander. Seine führt in eine weitere schlaflose Nacht. Ihre führt zu diesem Satz: „Ich liebe dich.“. Sein Grauen wächst. Er müsste ihn erwidern. Es wär verlogen. Er fragt sich, ob sie weiss, was sie da sagt. Er ruckt. Er wankt. Er schweigt. Der Bruch tut weh. Hesse sieht alles vor sich: die Kreisbahn mit der Frau, dem Haus, dem Kind, der Flucht, der Rückkehr, der Frau, dem Haus, dem nächsten Kind. Es ist ein endlos tiefer Graben. San Andreas Fault.“

(Textauszug aus „Immer nach Hause“ von Thomas Lang)

Wie furchtbar, denke ich. Ob es sich wirklich so zugetragen hat? Ist das der schreckliche Teil aus „Szenen einer Ehe“?
Nein, so könnte ich nicht leben und so würde ich nicht leben! Und er wusste auch, dass dies falsch ist – aber es war eine andere Zeit und sicher spielten sich damals viele Ehen so ab … vielleicht ist das auch heute noch so?

Ich denke an seine Aussage: „Sei der, der du bist!“ und ich hätte ganz sicher zu ihm gesagt: „So nicht, mein Lieber! So stelle ich mir keine Ehe vor und auch nicht die Liebe. Das gefällt mir nicht!“

Sein Kampf, seine Aussage auch umzusetzen, ging noch eine ganze Weile weiter, denn es gehört viel Mut dazu, der zu sein, der man ist … mit allen Konsequenzen!

Ich werde das Buch zu Ende lesen, auch wenn es mich bedrückt und ich oft unterbreche, um das Geschehen zu überdenken.