Mein Onkel Hermann/Monika Hunnius

Als es dann vor mir lag, wusste ich sofort:

dieses Buch wirst du lieben !

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Dafür gibt es mehrere Gründe. Wie ich auf dieses Buch aufmerksam wurde, hatte ich bereits hier berichtet – das Schicksal nimmt oft seltsame Wege, wenn es mir etwas zuführen will :

https://seelenglimmern.wordpress.com/2015/07/10/hermann-hermann-heisst-20650475/

Nun liegt es vor mir und ich fühle die Faszination, die von ihm ausgeht. Und mir wird eine gewisse Herausforderung bewusst : Bücher mit diesem Schriftbild habe ich schon lange nicht mehr gelesen:

Die Frakturschrift in Büchern
Im Gegensatz zur Sütterlin-Handschrift ist die Frakturschrift eine Druckschrift, die vom 16. Jahrhundert an bis etwa 1940 in mehreren Varianten eingesetzt wurde. Viele Leute besitzen noch ältere Bücher, die in Fraktur gedruckt sind.

Fraktur-Schrift

Oh ja, viele Menschen beschäftigen sich gern mit verschiedenen alten Schriften, darunter ist auch die Frakturschrift sehr beliebt. Es gibt verschiedene Bücher im Handel.Auch Internetratgeber zur Frakturschrift gibt es.
Und zum Erlernen dieser Schrift gibt es ein hervorragendes Buch. Leider wurde es bereits 1935 herausgegeben und ist daher selbst in Frakturschrift gedruckt. Es heißt :

„Leseschlüssel zu unserer alten Schrift“
Also das Erlernen dieser Schrift überspringe ich mal und beginne gleich mit dem Lesen – vor allem möchte ich wissen, was mein Lieblingsautor Hermann Hesse zu dem Buch sagt. Er hat ja dieses berühmte und berührende Geleitwort zu diesem Buch geschrieben. Und ich finde es wirklich so schön, dass ich es hier festhalten möchte:

Dieses Buch erzählt Stücke aus einem Sagenkreise, der mir aus frühesten Kinderjahren her vertraut ist. Der Onkel Hesse dieses Buches, »der alles fortgibt«, ist mein Großvater gewesen, und die schönsten Geschichten, die ich als Kind gehört habe, waren die, die mein Vater uns von ihm und von seiner Heimat Weißenstein erzählte. Ich habe den Großvater, sein Städtchen und sein Haus, seinen Garten mit dem Ahorn und den grünen Bänken nie mit Augen gesehen, aber ich kenne sie genauer als viele Städte und Länder, die ich wirklich gesehen habe. Und obwohl ich nie ein Freund des historischen Denkens war und mich nie mit der Geschichte meiner Herkunft befaßt habe, ist dieser prachtvolle Großvater mir stets ein nah vertrauter Mensch gewesen.

Es sind alte Geschichten, die dies Buch erzählt, sie geschahen in einer Welt, die nicht mehr ist. Sie kommen aber aus einem lebendigen Munde und aus einem dankbaren Herzen, und sie bewahren das Gedächtnis unvergänglicher Liebe, unvergänglichen Menschentums auf.

Ein Urteil über sie steht mir nicht zu, sie gehen mich allzu nahe an. Ich liebe sie, weil sie ein Stück edlen Lebens nicht zu Literatur verarbeiten, sondern rein und treulich weiter geben wollen. Sie sind Geschwister jener Erzählungen, die ich als Kind aus meines Vaters Munde hörte, und ihr Quell und Mittelpunkt ist der alte Doktor Hesse, ist ein seltener, strahlender und guter Mensch, wie es auch damals wenige gab.

Hermann Hesse.

Und nun wende ich mich dem „alten Doktor Hesse“ zu, weil er „ein seltener, strahlender und guter Mensch war, wie es auch damals wenige gab.“

… denn das heißt leben!

Wie auch Hermann Hesse schreibt Monika Hunnius über das Leben. Und sie zitiert Hermann Hesse in ihrem Buch „Mein Onkel Hermann“.

Ich erwähnte hier bereits das Buch, das ich gerade lese:

https://seelenglimmern.wordpress.com/wp-admin/post.php?post=20673156&action=edit

Der folgende Abschnitt ist sehr beeindruckend, wie sie schreibt, denkt und wie sie fühlt. Und was sie (dazu-) gelernt hat.

Seite 77:

„Abends gab es ein Festessen, und dann zum Schluß noch einen Liederabend von mir im großen Wohnzimmer, mit Hermanns Begleitung am alten Tafelklavier. Und ich sang und sang, die Dichterliebe, Frauenliebe und Leben, Schön-Rothraut und all die geliebten alten, unvergänglichen Lieder. Die Fenster standen weit offen, denn ein noch größeres Publikum hatte sich auf der Straße versammelt. Beifallsstürme klangen von draußen herein, Blumen flogen durch die offenen Fenster! Und ich mitten drin, so voller Freude, geben, nehmen zu dürfen, mit dem festen Glauben: das ist ja nur der Anfang, so muß das Leben nun doch weitergehen, und noch schöner, noch herrlicher werden! Wenn ich mein Leben erst ganz der Kunst würde weihen dürfen, dann würde das Herrlichste ja erst noch kommen. Ich wusste es nicht, dass das die sonnigsten Zelten meines Lebens waren, die ich eben lebte, die schönsten und glücklichsten.

Ich wusste es nicht, dass ein Dilettant nur die Rosen in der Kunst pflückt, während der Künstler viel mehr Dornen als Rosen erntet. Wohl hat er auch Feierstunden höchsten, seligsten Glückes, wohl empfängt er auch Rosen schönster Art, aber oft ist sein Fuß von den Dornen, auf denen er seinen Weg machen musste, so zerrissen, sein Herz so wund, dass auch die Freuden, die er empfindet, leicht einen Unterton von Schmerzen haben, weil sie zu schwer erkauft sind.

Wie der Dichter Hermann Hesse, ein Großsohn dieses Hauses, es ausspricht:

„Keiner weiß, dass dieser bunte Kranz,
Den die Welt mir lachend drückt ins Haar,
Meines Lebens Glück geraubt und Glanz,
Ach! und dass das Opfer unnütz war.“

Aber wem hätte ich das geglaubt? Niemandem! Und es ist gut, daß es so ist, denn das heißt leben, selbst hinein ins Leben gehen, es kennen lernen in Höhen und Tiefen, in seiner Armut und seinem Reichtum, und dann einmal sich zur Ruhe legen dürfen und sagen: »Es war gut, wie es war, denn ich habe gelebt.“ 

Ihren Vetter Johannes Hesse, den Vater des berühmten Schriftstellers und Nobelpreisträgers, lernte sie erst spät in Deutschland kennen. Bis zu dessen Tode fühlte sich Monika Hunnius durch eine tiefe Freundschaft mit ihm verbunden.

Es war gut, dass ich es gelesen habe!   😀