Piktors Verwandlungen/Hermann Hesse

Bäume sind Heiligtümer … jetzt sang er laut Piktoria, Viktoria

Als ich den Ausstellungsraum betrat, sah ich eine Vitrine und … Bäume!

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Natürlich, sie hatten eine grosse Bedeutung für ihn. Wie auch für Hèléne Grimaud, dachte ich. In Ihrem Buch „Das Lied der Natur“ schreibt sie sehr viel über Yggdrasil, die Weltesche. Ein sehr spannendes Thema, in dem ich mittendrin bin und nun gewisse Ähnlichkeiten entdecke … vielleicht schreibe ich später mal ein paar ausführlichere Gedanken mit einem kleinen Textauszug dazu.

Bäume sind Heiligtümer, schreibt Hesse – beeindruckende Worte:

Bäume sind Heiligtümer

Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen.
Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen.
Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame.
Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethofen und Nietzsche.
In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen;
allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine:
ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen.
Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.
Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der lichten Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen:
in den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit, alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überstandene Angriffe, überdauerte Stürme.
Und jeder Bauernjunge weiß, dass das härteste und edelste Holz die engsten Ringe hat, dass hoch auf Bergen und in immerwährender Gefahr die unzerstörbarsten, kraftvollsten, vorbildlichsten Stämme wachsen.
Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit.
Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens. (Hermann Hesse)

Nun stand ich also vor einem besonderen „Schatz“ – märchenhaft!

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Er hatte auf seiner Schreibmaschine Seiten beschrieben und mit herzallerliebsten, kleinen Zeichnungen versehen. Als Geschenk, um jemandem eine Freude zu machen.

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Ach, würde ich solch ein Geschenk bekommen, ich würde einen Freudentanz vollführen, dachte ich. Es war so bezaubernd, dies zu sehen:

„… nun war alles gut, die Welt war in Ordnung, nun erst war das Paradies gefunden. Piktor war kein alter bekümmerter Baum mehr, jetzt sang er laut Piktoria, Viktoria.“

Ein wunderschönes Märchen, das ich sehr gerne lese.

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P.s.  auch Grimauds Buch lese ich gerne. Nachdem ihr Protagonist (Karl Würth alias Brahms) den Baum Yggdrasil umarmt hatte, sang er nicht, sondern komponierte wunderschöne Musik 🙂