Sex mit Hermann Hesse / von Felicitas Andresen

Dort erzählt der Schreibtisch selbst …

In dem Buch, das ich gerade lese, bin ich voll mit ihr dabei, finde mich dort wieder. Ich werde zurückversetzt in den Moment, als ich dort selbst an seinem Schreibtisch sass.

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Es ist so schön, mit ihr nochmals alle die Orte zu besuchen, über die sie in ihrem Buch so humorvoll schreibt – ich schmunzle mich durch dieses Buch und träume immer wieder zwischendurch … sehe alles genau vor mir.

Hier ein kleiner Textauszug über Hesses Schreibtisch und was er ihr bedeutet:

„Ich behaupte, Hermann Hesses Schreibtisch ist zwei Meter breit. Ich habe ihn mit den Händen gemessen. Also, die Handrücken aneinandergelegt. Handbreit heisst dieses Mass, das es schon seit der Antike gibt. Meine Hände ohne Daumen sind 12,5 Zentimeter breit. Sie gehen 16  Mal in die Kante von Hermann Hesses Schreibtisch. 16 mal 12,5 sind genau zwei Meter. Ich habe aber heute ein Lineal dabei, ich messe, Hermann Hesses Schreibtisch ist 2,26 Meter breit. Wo liegt der Fehler?

Ich habe meine Hände an der falschen Stelle gemessen. Ich muss sie über den Knöcheln messen. Dann kommt’s hin. Es ist wichtig, das richtig zu machen, weil man oft was messen muss und hat dann nur die Arme (Elle) und die Hände (handbreit) dabei und dann ist es gut, wenn man die Masse kennt.“  […]

Was bedeutet mir sein Schreibtisch? DER Schreibtisch? Zu pathetisch, zu prahlerisch, zu weltläufig, wo der schon alles war. Aber Volker Michels, für den Hesse lebensbegleitend ist, hat einen netten Text geschrieben, ich finde ihn in einem der Ordner  … da erzählt der Schreibtisch selbst seine eigene Geschichte und die von Hesse gleich mit, wie nämlich der junge Hesse in München war, und der Volker Michels macht ordentlich name-dropping, Samuel Fischer, Ricarda Huch, Otto Julius Bierbaum, Thomas Mann lernt der Hermann da kennen und trifft den Hermann Haas und der ist unter anderem auch Tischler und fertigt den Schreibtisch an, exakt nach dessen Zeichnung und Hesses Körpergrösse von 1 Meter 73 genau angepasst. Das weiss man ab da also auch, nämlich wie gross er war. Und der Schreibtisch erzählt, wie er von München nach Konstanz und dann nach Steckborn gelangt und über den See schwankt und dann auf die Schiffslände von Gaienhofen gehievt wird und mit dem Fuhrwerk mit einem PS bergan zum Kirchplatz gebracht wird und dann die Treppe rauf und das geht: denn er ist zerlegbar in drei Teile.

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Und der Hermann Hesse hat an ihm die vierundvierzigtausend Briefe geschrieben, die Volker Michels gerade in einer zahnbändigen Ausgabe herausgibt, und die dreitausend Buchbesprechungen und alle Bücher und Geschichten und als erste Arbeit einen Aufsatz über Mörike. Ja, ist schon beeindruckend …  was darauf – auch rein quantitativ – alles entstanden ist.“

(aus dem Buch: Sex mit Hermann Hesse / von Felicitas Andresen)

Und damit derjenige, der es liest, sich alles genau vorstellen kann, worüber sie schreibt, hier eine kleine Bildergalerie von meinem Besuch dort 2014 (zum Vergrössern bitte anklicken):

 

Vagabundenleben

Ja, so ein Vagabundenleben finde ich auch gut und was bietet sich da besser an, als ein paar Urlaubstage im Herbst 😀

Das fiel mir natürlich gleich ein, als ich so vor mich hinlas – bei Freund Hesse bzw. in ihrem Buch: Sex mit Hermann Hesse/Felicitas Andresen, bei wem denn sonst? 😉

Ooooh, für ein gepflegtes  Vagabundenleben war er Spezialist und natürlich auch für Wein – und das nicht nur im Herbst. Ich lese:

„Wollt ihr mal wissen, was er über’s Weintrinken schreibt? Über den Wein, genau gesagt?

>>Wer ist so mächtig wie er? Wer ist so schön, so phantastisch, schwärmerisch, fröhlich und schwermütig? Er ist ein Held und Zauberer. Er ist ein Verführer und Bruder des Eros. Er vermag Unmögliches; arme Menschenherzen füllt er mit schönen und wunderlichen Dichtungen. Er hat mich zum Einsiedler und Bauern zum König, Dichter und Weisen gemacht.<<
und so geht’s noch lange fort.“

Eine inspirierende Stelle im Buch – dazu fallen mir doch gleich zwei Begebenheiten aus meiner Erlebniskiste ein. „Knulp“ … da schreibt er darüber und den treffe ich auch öfters, wenn ich in Calw bin

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Und natürlich das Literaturcafé in Montagnola, wo ich ihn und seinen schönen Spruch auf der Karte bewundert habe:

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Dann treffe ich noch auf eine Stelle im Buch, die mich besonders zum Schmunzeln bringt – als es Hesse mal wieder gepackt hat, das Vagabundenleben:

„dass H.H. eines Abends zu Fuss aufbrach, um der häuslichen Enge zu entkommen und auf Wanderschaft zu gehen, weit fort, wenigstens nach Amerika, um nie mehr heimzukehren. Er traf einen Zechbruder aus dem Nachbarort und sie kamen über Gundholzen nach Iznang, von uns aus gesehen also das über-übernächste Dorf. Dort begaben sie sich ins Wirtshaus Adler und leerten einen Schoppen auf die Daheimgebliebenen. Und dann noch einen Schoppen und noch einen. Es wurde lustig, es wurde spät und schliesslich liess sich H.H. eine Postkarte bringen und schrieb nach Gaienhofen an seine Frau:

„Auf meiner Reise durch die europäischen Kulturländer bin ich hier gelandet und schicke dir diesen Gruss. Leb wohl!“

Gegen Morgen machte er sich auf den Heimweg und als er später wieder ausgeschlafen am Schreibtisch sass, kam der Briefträger und brachte seiner Frau die Postkarte. Diese heitere Geschichte soll die Vagabundenseele von H.H. zeigen.

Ich kenne eine zweite Postkartengeschichte, die zeigt sie noch besser. Mias Mutter ist in Basel schwer an Krebs erkrankt, Mia wird von einem Kind entbunden, Mia hat zwei weitere kleine Kinder zu versorgen, Haus und Riesengarten, es ist Erntezeit, Mia muss zum Sterbebett der Mutter – H.H. fährt nach Indien und schickt aus Genua ebenfalls eine Postkarte (an Reinhold Geheeb):

„Still verlass ich dieses Hafens Becken, nun kann Europa mich am …“

Immer  wenn ich was Kritisches über ihn oder seine Bücher denke, folgt er mir mit den Augen, wo ich stehe, wohin ich gehe.“

Dieses Gefühl habe ich auch immer wieder, sobald ich mich mit ihm beschäftige … was er da oben wohl so denkt, wenn er auf uns herunterblickt?

Jedenfalls hätte er Verständnis für mein Bedürfnis nach wenigstens ein bisschen Vagabundenleben …

z.B. für eine kleine Tour in die Pfalz um diese Zeit – mmmhh, Weinlese! Und ins Wolfsgehege nach Worms wollte ich ohnehin. 😀

Also dann: „O du, der du beim vollen Becher sitzest und nicht trinkst, o sage mir, auf wen wartest du noch?“  ……