Liebesnähe/Hanns Ortheil

MAI 2015

Zuwendung … aus seiner Sicht.

Ich lese nochmals einen Text nach, denn der Text gefällt mir. Es geht um den Protagonisten, der über sein bisheriges Leben erzählt:

„… er hatte sich zurückgezogen, und diese Zurückgezogenheit hatte ihn nicht gestört, weil ihm das frühere, geselligere Leben nicht gefehlt hatte.

Was ihm aber umso mehr gefehlt hatte, war intensive Zuwendung, ja, er musste Zugeben, dass er sich nach einer solchen Zuwendung immer mehr gesehnt hatte. Er ahnte, wodurch diese Sehnsucht in der letzten Zeit noch zusätzlich verstärkt wurde, aber er wollte darüber jetzt, während seines Spazierganges, nicht nachdenken. Eine Zuwendung von der Art, wie er sie sich vorstellte, erhielt man nur von einem einzigen Menschen, und sie gründete in einer schon immer vorhandenen Zusammengehörigkeit. Eine solche Zusammengehörigkeit war nicht künstlich herstellbar oder mutwillig zu erzeugen, sie war vielmehr einfach da, sie war vorhanden, und sie war so mächtig, dass keiner der beiden Beteiligten überhaupt auf den Gedanken kam, sie in Frage zu stellen.

Seltsam, aber man konnte ihm diesen Gedanken einfach nicht austreiben: dass es auf dieser Welt einen Menschen geben musste, der ganz und gar zu ihm gehörte. Im Grunde steckte hinter diesem Gedanken ein naiver Glaube, der zu den starken Hoffnungen gehörte, die ihn am Leben erhielten. Es gab mehrere solcher Glaubensinhalte, an denen sein Leben hing, sie bildeten den festen Untergrund seiner Existenz, ohne sie hätte sich sein Leben bis in die kleinsten Momente anders gestaltet. Dann und wann gerieten diese Glaubensinhalte in Vergessenheit, und er dachte nicht mehr an sie, sie lebten aber ununterbrochen in ihm weiter, das wusste er genau.

An diesem Vormittag war seine Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit zum Beispiel wieder erwacht. Er wusste noch nicht, wie es dazu gekommen war, denn das ergab sich nicht aus heiterem Himmel.
Ein Sich-Verlieben mochte sich aus heiterem Himmel ergeben, das schon, ein Sich-Verlieben war aber auch etwas anderes als das Empfinden einer unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit. Er mochte die Formel „ich habe mich verliebt“ deshalb nicht. Verlieben konnte man sich schliesslich an jeder Ecke und in jedes hübsche Gesicht, sich verlieben war etwas wie Sport und daher eine kurzfristige Sache, die man höchstens mit vielen Kommentaren am Leben erhielt.

Wie sollte man es dann aber nennen? „Liebe“?! Reichte dieses Wort? „Ich liebe Dich“ – das hätte er niemals gesagt, denn die Zusammengehörigkeit, an die er dachte, hatte solche Deklamationen doch gar nicht nötig. Das Wort „Liebe“ klang in seinen Ohren auch zu sehr nach Seife und Anstand und Wohlerzogenheit, ja, „Liebe“ hatte etwas Statuenhaftes, Erstarrtes und künstlich Triumphales, das man höchstens durch Überbietung aus der Welt schaffen konnte. „Die grosse Liebe“ dagegen, ja, das war richtiger, er glaubte an „die grosse Liebe“, und die grosse Liebe war Fest, Tanz und Oper und eben keinesfalls Film, Konzert und Theater.
Film, Konzert und Theater waren die auf Anstand und Normen getrimmten Medien der „Liebe“, Fest, Tanz und Oper aber waren die verrückten Rituale „der grossen Liebe“.“

(Textauszug aus „Liebesnähe“ von Hanns Ortheil)

… wie es dann in dieser Geschichte weitergeht, finde ich unsagbar schön und faszinierend beschrieben … Emotionen sind schwer zu beschreiben, aber er, Hanns Orheil hat die Gabe dazu. Besagte Begebenheit werde ich vielleicht später noch hier zitieren, aber zunächst möchte ich die Gedanken und Gefühle, die diese dabei in mir auslöst, noch für mich selbst haben. 🙂

januar-2015

 

Die „Sprache der Nähe“

„Und jetzt ist alles so einfach gewesen und von der Art, als bräuchten sie keinerlei Worte zu machen, weil sie wissen, was der andere empfindet und denkt und was er als Nächstes tut. Worte markieren Unterschiede, stellen fest und rücken zurecht – in diesem Sinne stören sie vorläufig nur. Man müsste Worte anders verwenden, als Erkennungszeichen, als Bestätigung, als Ausruf, als Anfeuerung – dann wäre man schon einen Schritt weiter.

Mitten auf dem halbdunklen, fensterlosen Gang zur Buchhandlung bleibt er plötzlich stehen. Eine Sprache der Nähe …., genau das wäre es. Die Wendung durchzuckt ihn, und obwohl er noch nichts mit ihr verbindet, spürt er genau, dass er mit dieser Wendung etwas getroffen hat, wonach er lange suchte. Eine Sprache der Nähe – wonach könnte eine solche Sprache sich orientieren? Hatte sie Vorläufer, Vorgaben, wovon könnte sie lernen? Er überlegt und horcht in sich hinein, und dann kommt wie von selbst der richtige Einfall, und dieser Einfall verweist auf Musik […]
Es gibt keine intensivere Sprache der Nähe als die Musik [….]“

(Textauszug aus „Liebesnähe“/Hanss Ortheil)

Hier beende ich vorläufig mein Lesen in diesem Buch, denn mit seiner Sprache der Nähe kommt er MIR jetzt zu nahe, so wie ich auch mal jemand zunahe gekommen bin mit meiner „Sprache der Nähe“.
Ich denke nur ungern an diesen Vorworf, den mir damals diese Sprache eingebracht hat. „Du bist mir zunahe gekommen … !“

Es ist Vergangenheit und seitdem verwende ich Worte anders ….