Liebesnähe/Hanns Ortheil

Zuwendung … aus seiner Sicht.

Ich lese nochmals einen Text nach, denn der Text gefällt mir. Es geht um den Protagonisten, der über sein bisheriges Leben erzählt:

„… er hatte sich zurückgezogen, und diese Zurückgezogenheit hatte ihn nicht gestört, weil ihm das frühere, geselligere Leben nicht gefehlt hatte.

Was ihm aber umso mehr gefehlt hatte, war intensive Zuwendung, ja, er musste Zugeben, dass er sich nach einer solchen Zuwendung immer mehr gesehnt hatte. Er ahnte, wodurch diese Sehnsucht in der letzten Zeit noch zusätzlich verstärkt wurde, aber er wollte darüber jetzt, während seines Spazierganges, nicht nachdenken. Eine Zuwendung von der Art, wie er sie sich vorstellte, erhielt man nur von einem einzigen Menschen, und sie gründete in einer schon immer vorhandenen Zusammengehörigkeit. Eine solche Zusammengehörigkeit war nicht künstlich herstellbar oder mutwillig zu erzeugen, sie war vielmehr einfach da, sie war vorhanden, und sie war so mächtig, dass keiner der beiden Beteiligten überhaupt auf den Gedanken kam, sie in Frage zu stellen.

Seltsam, aber man konnte ihm diesen Gedanken einfach nicht austreiben: dass es auf dieser Welt einen Menschen geben musste, der ganz und gar zu ihm gehörte. Im Grunde steckte hinter diesem Gedanken ein naiver Glaube, der zu den starken Hoffnungen gehörte, die ihn am Leben erhielten. Es gab mehrere solcher Glaubensinhalte, an denen sein Leben hing, sie bildeten den festen Untergrund seiner Existenz, ohne sie hätte sich sein Leben bis in die kleinsten Momente anders gestaltet. Dann und wann gerieten diese Glaubensinhalte in Vergessenheit, und er dachte nicht mehr an sie, sie lebten aber ununterbrochen in ihm weiter, das wusste er genau.

An diesem Vormittag war seine Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit zum Beispiel wieder erwacht. Er wusste noch nicht, wie es dazu gekommen war, denn das ergab sich nicht aus heiterem Himmel.
Ein Sich-Verlieben mochte sich aus heiterem Himmel ergeben, das schon, ein Sich-Verlieben war aber auch etwas anderes als das Empfinden einer unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit. Er mochte die Formel „ich habe mich verliebt“ deshalb nicht. Verlieben konnte man sich schliesslich an jeder Ecke und in jedes hübsche Gesicht, sich verlieben war etwas wie Sport und daher eine kurzfristige Sache, die man höchstens mit vielen Kommentaren am Leben erhielt.

Wie sollte man es dann aber nennen? „Liebe“?! Reichte dieses Wort? „Ich liebe Dich“ – das hätte er niemals gesagt, denn die Zusammengehörigkeit, an die er dachte, hatte solche Deklamationen doch gar nicht nötig. Das Wort „Liebe“ klang in seinen Ohren auch zu sehr nach Seife und Anstand und Wohlerzogenheit, ja, „Liebe“ hatte etwas Statuenhaftes, Erstarrtes und künstlich Triumphales, das man höchstens durch Überbietung aus der Welt schaffen konnte. „Die grosse Liebe“ dagegen, ja, das war richtiger, er glaubte an „die grosse Liebe“, und die grosse Liebe war Fest, Tanz und Oper und eben keinesfalls Film, Konzert und Theater.
Film, Konzert und Theater waren die auf Anstand und Normen getrimmten Medien der „Liebe“, Fest, Tanz und Oper aber waren die verrückten Rituale „der grossen Liebe“.“

(Textauszug aus „Liebesnähe“ von Hanns Ortheil)

… wie es dann in dieser Geschichte weitergeht, finde ich unsagbar schön und faszinierend beschrieben … Emotionen sind schwer zu beschreiben, aber er, Hanns Orheil hat die Gabe dazu. Besagte Begebenheit werde ich vielleicht später noch hier zitieren, aber zunächst möchte ich die Gedanken und Gefühle, die diese dabei in mir auslöst, noch für mich selbst haben. 🙂

Ich lege jetzt mein Buch wieder zur Seite, werde meinen Schreibtisch aufräumen und die Blüten in der Vase ordnen. Einen „passenden Rahmen“ bin ich meinem schönen „Kopfkissenbuch“ schuldig, dem ich mich jetzt zuwenden und in dem ich dann die erste Seite beschreiben werde.

Januar 2015