Es hält immer noch an, dieses Rollenspiel nach altem Muster …

Ich lese Eveline Haslers „Die Wachsflügelfrau“, die Lebensgeschichte von Emily Kempin-Spyri.

Natürlich kommen dabei viele Gedanken auf. Über „die gute alte Zeit“, in der junge Mädchen beizeiten auf ihre Zukunft/ihr Los vorbereitet wurden.
Und auch über die Situation in der heutigen Zeit – hat sich inzwischen für junge Frauen alles zum Guten gewendet?

Damals, so um 1867, hatte allein der Hausherr das Sagen und dabei die Hand auf dem Geldbeutel. Er war prädestiniert, darüber aufzuklären, was die Zukunft für alle vorsieht und was zu geschehen hat. Und er bestimmte, wann es dann Zeit für diese Aufklärung war:

„Er entdeckt zum ersten Mal die Helligkeit der Haut, von der die kräftigen Brauen, die tiefliegenden Augen sich abheben, die ungewöhnliche Linie des Mundes. Da liegt in den Winkeln etwas Spöttisches, auch die vorgeschobene Unterlippe gefällt ihm nicht. Dann dieser plötzlich aufgeschossene Körper. Schlank, biegsam. Die Brüste unter der zu eng gewordenen karierten Barchentbluse. Es rührt ihn an, es trifft ihn: Sie ist eine junge Frau geworden. Wie hat er das übersehen können.
Höchste Zeit, seine Erziehungspflichten nachzuholen.
Eigenwille, Intelligenz, Beweglichkeit hat er an seiner Tochter bewundert, aber gerade diese Eigenschaften, das sagt auch der Pädagoge Campe, verkehren sich unter dem Vorzeichen der Weiblichkeit in ihr Gegenteil. Eigenwille wird bei Frauen zu Eigensinn, Intelligenz zu Vorwitz, Beweglichkeit zu hochfliegender Phantasterei. (….)
Was soll aus mir werden? bricht es aus ihr heraus. Spyri nimmt den Zwicker ab. Mustert die Tochter mit nackten Augen, verzieht amüsiert den Mund. Was du werden sollst? Schau dir deine Mutter an.
In Emilys Wangen schießt die Röte. (….)

Die Mutter versucht vorsichtig, Emily aufzuklären. So ein Kind kommt einfach, eine Naturgewalt, die man hinnehmen muss. Emily kapiert: die Frau ist ausgeliefert, dem Ehemann, ihrem Los als Frau. (….)

Der Vater spürt ihren nach innen gewendeten Trotz. An einem Sommertag unterbricht er seine Arbeit,, ruft Emily ins Studierzimmer. Sagt Sätze wie: Ehefrau und Mutter, das ist die innerste, die ursprünglichste Berufung der Frau.
Opfer und Verzicht. Das sollst du beizeiten einüben.
Ich will aber lernen, widerspricht sie. Die Schule fehlt mir. Ich könnte ja Lehrerin werden, zum Beispiel.
Der Vater schiebt den angefangenen Zeitungsartikel zur Seite, wird grundsätzlich: Er ist gegen weibliche Lehrer. Die Physis der Frau, ganz auf empfangen und Gebären ausgerichtet, eignet sich nicht für den öffentlichen Dienst. Das weibliche Gemütsleben ist Schwankungen unterworfen, die Kinder an der öffentlichen Schule aber brauchen Disziplin, eine feste, männliche Hand. (….)

Er spricht immer noch. Weiß, was für sie gut ist.
Die Mutter hat mich aus ihrem Leib entlassen, denkt Emily, aber der Vater hat mich noch nicht aus seinem Kopf geboren.
Er weiß mich, bevor ich mich kenne. Werde ich nach dem Bild in seinem Kopf, sterbe ich noch ungeboren.“

So war das damals, um 1867. Man schickte Emily für ein Jahr in die „Löffelschleife“, um den letzten Schliff für den Heiratsmarkt zu erhalten, man lernt gutbügerliche Küche, ein paar Krumen Französisch, spielt Klavier …

Doch Emily fordert ihren Vater heraus, will Lehrerin werden. Der Vater fängt wieder an mit: Frauen, Gemütsschwankungen, fragile Physis …
Ihre Tante Johanna kommt Emily zu Hilfe und sagt: „Und doch vertraut die Natur die Kindererziehung den Frauen an!“

Daraufhin der Vater: „In der Familie, liebe Johanna! Da liegt der Unterschied. Was aber passiert in der öffentlichen Schule, wenn die Frau ihre Tage hat? Verzeih, dass ich das erwähne! (…) Ein Freier kommt, und die Lehrerin hängt ihren Beruf an den Nagel. Nicht nur in der Wirtschaft, auch hier muss man sich nüchtern fragen, hat sich der Aufwand an Geld und Kräften gelohnt?“
„Es gibt immer mehr Frauen, die freiwillig oder unfreiwillig keine Ehre eingehen, Schwager.“. „Nun, was meine Emily betrifft, so gehört sie bestimmt nicht zu dieser Gruppe, da bin ich Prophet!“

Hmmm … ein Prophet also, denke ich. Auch Propheten können ja mal irren und gottlob kam es auch so. Emily ging ihren Weg.

Aber solche „falsche Propheten“ sterben nicht aus. Es gibt sie auch heute noch, sonst würden die Frauen längst nicht mehr um ihre Rechte kämpfen müssen. Seit 1911 gibt es den „Internationalen Tag der Frauen“, an dem weltweit auf Frauenrechte und Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht wird.
Es hält an, dieses Kämpfen … gegen Männer, die ihr Machotum weiterhin zelebrieren, die immer noch „prophezeien“, dass Frauen einzig und allein dazu erschaffen wurden, um dem Manne gefügig zu sein. Wie schön wäre es doch, wenn dieses Rollenspiel nach altem Muster endlich zu Ende wäre …

Ich betrachte die Musik …

 

Manchmal muss ich weinen … vor Glück! Wer Kinder und Enkelkinder hat, wird nachvollziehen können, wie ich mich fühle, wenn ich sehe, wie sie an dem wachsen, was sie jetzt mit Freude tun.

Heinrich von Kleist sagte:
Ich betrachte die Musik als die Wurzel aller übrigen Künste.

Das tue ich auch!
Die anderen Künste, denen sie sich schon mit großer Leidenschaft hingeben, das sind Malen, Lesen/Zuhören und Basteln … und dabei singen sie sehr oft.

Mir fällt gerade so viel dazu ein … was z.B. die Musik für Hermann Hesse bedeutet hat. Er sagte u.a. :

Die Welt hat einen Sinn,
und er ist uns erspürbar im Gleichnis der Musik.

Ich glaube, Musik und Magie faszinieren meine Enkeltöchter auch sehr. Sie entwickeln dabei eine beeindruckende Fantasie. Am meisten hat mich in folgendem Video berührt, dass die Kleine schon den „Wohlklang“ dieses Kinderliedes erkannt hat. Sie ist erst eineinhalb Jahre alt und lernt von ihrer Schwester. Ich hoffe, dass all ihre schönen Leidenschaften – die Liebe zu Kunst, Musik und dem kreativen Schaffen – Bestand haben werden und sich nicht beim erwachsen werden verlieren.

 

Hermann Hesse hat in seinem Glasperlenspiel den Zusammenhang von „Musik“ und dem „Sinn der Welt“ sehr gut erklärt und ich liebe seine Worte.

Das Glasperlenspiel

Musik des Weltalls und Musik der Meister
Sind wir bereit in Ehrfurcht anzuhören,
Zu reiner Feier die verehrten Geister
Begnadeter Zeiten zu beschwören.

Wir lassen vom Geheimnis uns erheben
Der magischen Formelschrift, in deren Bann
Das Uferlose, Stürmende, das Leben
Zu klaren Gleichnissen gerann.

Sternbildern gleich ertönen sie kristallen,
In ihrem Dienst ward unserm Leben Sinn,
Und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
Als nach der heiligen Mitte hin.

Hermann Hesse

Eine erfolgreiche Schatzsuche

 

Stellt euch vor, am 30.11.2018 abends habe ich ungesucht und rein zufällig einen Schatzplan entdeckt … dies war freilich eine aufregende Sache und meine Neugier, das Geheimnis  – auf jedem Schatz liegt ja ein Geheimnis –  zu ergründen, wuchs mit jeder Sekunde.

Zuerst einmal dachte ich natürlich nach, woher denn dieser Schatzplan stammt. Mir fiel dann sogleich ein, dass ich die Adresse ja bereits kannte und dass diese absolut zuverlässig ist. Es würde sich also lohnen, dieser Sache nachzugehen. Gedacht, getan!

Nun, normalerweise behält man solch eine gute Adresse selbstverständlich für sich, aber dann ….   mein erster Blick in diesen inzwischen aufgestöberten und in Besitz genommenen Schatz lies mich sogleich umdenken. Hier steht es schwarz auf weiß:

Was für ein wundervoller Gedanke.

Von innen herauskommend zum Gleichtun ermutigt, beschloss ich: ich will ihn teilen – jetzt sofort!  …..  also, hier fand ich den Schatzplan und machte mich sogleich auf die Suche:

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/11/29/der-vielleicht-groesste-schatz/

Und was soll ich sagen, es hat sich mehr als gelohnt! Jetzt halte ich einen enormen (Wort-) Schatz in Händen   🙂

Worte, die mir so viel sagen und die zweifellos reich machen an Wesentlichem, bei dem der Autor dazu einlädt, die Perspektive zu wechseln und die Grenzen des Denk- und Machbaren zu verschieben. Sein Anliegen: uns zur Veränderung inspirieren …

Oh, ich denke es ist ein ganz wundervoller Schatz, aus dem ich jetzt schöpfen kann und meine Gedanken darüber teile ich nun auch gern, damit sie sich bei anderen Menschen neue Formen geben lassen können. Vielleicht möchtet ihr sie ja gleich aufgreifen und mit dem Formen beginnen?   🙂

Doch zum Schluss dieses Beitrages noch: einen Gedanken des Autors Markus Mirwald möchte ich ( insbesondere für mich ) hier festhalten. Denn der seidene Glanz dieser kostbaren Wortperlen hat für mich ganz besonders aus dem reichen Wortschatz herausgeschimmert:

„Erst wenn wir begreifen,
was der andere nicht zu sagen vermag,
beginnen wir, ihn zu verstehen.“

Ich danke Ulrike Sokul für diesen (für mich und hoffentlich auch für die anderen Leser!) besonderen Buchtipp und dann natürlich dem Autor Markus Mirwald für dieses beeindruckende Werk – für diesen großen Schatz, der überzeugend bereichert.