„Lange trieb ich auf schiffslosen Ozeanen. Ich gab mein Bestes zu lächeln, bis deine singenden Augen und Finger mich liebevoll zu deiner Insel zogen …“ (aus dem Songtext)
„Song to the Siren“ von This Mortal Coil ist weit mehr als nur eine musikalische Interpretation – es ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der mythologischen Figur der Sirene. In der griechischen Mythologie sind Sirenen weibliche Wesen, deren betörender Gesang Seefahrer ins Verderben lockt. Elizabeth Frasers Stimme verkörpert in der Version von 1983 diese verführerische, zugleich gefährliche Aura perfekt. Das Lied spiegelt die Zwiespältigkeit zwischen Anziehung und Gefahr wider, die das Bild der Sirene symbolisiert. Dabei wird die verlorene Seele, die dem Gesang verfällt, zu einem Sinnbild menschlicher Sehnsucht und Verletzlichkeit. Tim Buckleys ursprüngliche Komposition von 1967 legte den emotionalen Grundstein, doch erst durch This Mortal Coils Interpretation wird die sirenenhafte Verlockung hörbar und fühlbar. Diese Mischung aus Mythos und Musik macht „Song to the Siren“ zu einem zeitlosen Werk, das sowohl musikalisch als auch symbolisch fasziniert und zum Nachdenken über Verführung, Verlust und Erlösung einlädt.
Mythos und Musik verschmolzen für mich wieder einmal zu einem emotionalen Malerlebnis.
„Jeder Geist baut sich selbst ein Haus; und jenseits seines Hauses eine Welt; und jenseits seiner Welt einen Himmel.“ Ralph Waldo Emerson
Geht es nun rauf in den Himmel oder rüber ins Jenseits? Ich denke, beides könnte richtig sein. Rüber in einen anderen Raum oder rauf in eine höhere Dimension. Jedenfalls dürfte dabei klar sein:
„Ins Paradies wird man nicht an den Haaren gezogen“ (russische Redewendung)
Ich stelle es mir so vor. Mein Aufstieg beginnt auf einer farbenfrohen Blumenwiese, auf der Millionen Tautropfen wie funkelnde Edelsteine in der Morgensonne glitzern. Jeder Tropfen reflektiert ein kleines Spektrum an Farben, die sich zu einem lebendigen Mosaik vereinen.
Ein prachtvoller Regenbogen am Horizont, dessen Farben in der Morgensonne strahlen, nimmt mich behutsam auf und trägt mich sanft empor, hinaus aus der Begrenzung der Erde hinauf in eine Welt ohne Türen und Wände. Mein Paradies öffnet sich als grenzenloser Raum, erfüllt von Licht, Liebe und Freiheit. Hier fühle ich eine Leichtigkeit, die mich alle Last vergessen lässt. Es ist ein Aufstieg ins Paradies, in dem alles möglich scheint.
Die Welt unter mir verliert an Schwere, wird zu einem flüchtigen Gemälde aus Farben und Formen, das sich sanft auflöst, während ich höher steige. Mein Herz schlägt im Einklang mit dem Rhythmus des Himmels. Jetzt beginnt mein Bewusstsein zu wachsen, getragen von einer sanften Melodie, die wie ein leiser Wind durch die Unendlichkeit weht. Jeder Atemzug erfüllt mich mit neuer Klarheit und tiefem Frieden.
Dort oben erwarten mich zwei starke Hände – sicher und warm – die mich halten und willkommen heißen. In diesem Moment erkenne ich: Ich bin angekommen, zuhause in einer Welt voller Geborgenheit und grenzenloser Weite.
An diesem Ort gibt nur das weite, offene Sein, in dem jede Seele ihren eigenen Weg findet und zugleich eins wird mit allem, was ist. Ein Gefühl tiefster Verbundenheit durchdringt mich, als würde ich Teil eines viel größeren Ganzen werden – ein Tanz aus Licht und Liebe, der niemals endet.
Während ich mein Gemälde nun beende, wird mein Geist in der gegenwärtigen Gedankenwelt weit und frei, bereit, neue Wege des Seins zu entdecken.
„In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits; Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling. Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.“ Khalil Gibran
Heute morgen kam mir eine Melodie in den Sinn während ich in meine Tasse mit dem schwarzem Kaffee blickte. „Schwarze Erde!“ schoss es mir durch den Kopf und ich erinnerte mich plötzlich an einen Blogeintrag „Schwarze Erde“, den ich vor vielen Jahren noch bei „Blog.de“ eingestellt hatte. „Blog.de“ gibt´s nicht mehr, aber es gibt noch den großartigen Pianisten Fazil Say. In seinen Konzerten spielt er immer noch sein berühmtes „Black Earth“ von 1997, das mich offensichtlich nach wie vor ungeheuer fasziniert.
Der weltbekannte Pianist Fazil Say findet in Aşık Veysels Lied „Kara Toprak“ eine tiefe Quelle der Inspiration. Veysels eindringliche Worte – „Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde“ – spiegeln eine existenzielle Verbundenheit mit der eigenen Heimat und deren rauer Landschaft wider. Diese schwarze Erde, Symbol für Beständigkeit und Vergänglichkeit zugleich, verkörpert für Say die universellen Themen von Einsamkeit und Verlust. In Says Interpretation des Stücks verschmelzen klassische Klavierkunst, Jazz und anatolische Volksmusik zu einer emotionalen Brücke zwischen Kulturen. Dabei gelingt es ihm, die stille Melancholie und die tiefe Sehnsucht, die Veysel in seinen Versen ausdrückt, in Klangfarben umzusetzen, welche mich sehr berühren. So wird „Kara Toprak“ mehr als ein Lied – es wird zum Spiegelbild menschlicher Existenz und zur Hommage an die unerschütterliche Kraft der schwarzen Erde als Quelle von Leben und Erinnerung.
Freund glaubt, viele umarmte ich
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Umsonst reiste ich herum, ermüdete vergeblich
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Gefesselt war ich an viele Schönheiten
Hatte weder eine Treue noch sah ich Dienlichkeit
Alle meine Wünsche bekam ich von der Erde
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Schafe gab sie, Lämmer gab sie, Milch gab sie
Essen gab sie, Brot gab sie, Fleisch gab sie
Mit der Hacke nicht bearbeitet, gab sie nur geringfügig
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Von Adam an hat sie Nachkommen gegeben
Hat mir verschiedene Sorten Früchte gegeben
Jeden Tag hat sie mich auf ihrer Haut getragen
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Ihren Bauch schlitze ich auf mit Spaten und Hacken
Ihr Gesicht riss ich mit Nägeln und Händen
Dennoch empfing sie mich mit Rosen
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Wenn ich sie quälte, lachte sie mich an
Dies ist keine Lüge, jeder hat es gesehen
Samen habe ich ihr gegeben, vier Gärten hat sie mir zurückgegeben
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Schaue ich liegend in die Luft, bekomme nichts mehr als Luft
Wenn ich die Erde pflege, bekomme ich Segen
Wenn ich mich von der Erde trenne, wo bleibe ich dann
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Falls du einen Wunsch hast, erbitte ihn dir von Gott
Um ihn zu erreichen, entferne dich nicht von der Erde
Die Großzügigkeit ist vom Erschaffer der Erde erteilt worden
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Falls du die Wahrheit suchst, ist dies der Beweis
Gott ist nah dem Knecht, und der Knecht nahe Gott
Gottes geheimnisvoller Schatz ist in der Erde
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Die Erde verdeckt all meine Fehler
Salbt meine Wunden und heilt sie
Wartet mit offenen Armen auf meinen Wegen
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde
Wer all diese Geheimnisse kann enthüllen
Der kann dieser Welt unsterbliche Werke hinterlassen
Der Tag wird kommen, dass sie Veysel an die Brust drückt
Meine treue Geliebte ist die schwarze Erde