Das 4. Lebensalter ?

Ich hatte mir bislang keine Gedanken darüber gemacht. Ich wusste noch nicht einmal von dessen Existenz. Was ist dieses geheimnisvolle 4. Lebensalter?

Darauf aufmerksam wurde ich durch einen Buchtipp während einer TV-Dokumentation. Es ist ein Buch, das ungeheuer provoziert, das Empörung auslöst, das eine Wirklichkeit benennt, die schockiert und das Schlimmste daran ist, dass es wahr ist, was er schreibt. Sooo schlimm …. war es mir nie bewusst. Das Buch trägt den Titel: Das 4. Lebensalter: Demenz ist keine Krankheit. Geschrieben hat es Reimer Gronemeyer. Ich hoffe, der Autor hat nichts gegen meine Berichterstattung hier einzuwenden, ansonsten müsste ich meinen Eintrag, der mir sehr viel bedeutet, wieder entfernen. Meiner Meinung nach sollten sich ALLE beizeiten mit diesem wichtigen Thema befassen. Es geht uns alle an. Dieses Buch nennt Zustände, die es zu ändern gilt!

Er schreibt:

“ Offenbar muss sich jeder innerlich darauf vorbereiten, dass es ihn erwischen kann, obwohl das Gefühl mir sagt: Mich trifft es nicht. Auf die Präventions-Tipps pfeife ich. Geistige Regsamkeit, körperliche Fitness – man sollte sich nicht einreden, dass es Mittel und Wege gibt, der Demenz zu entkommen. Die Schar der illustren Geister, die es traf, ist groß und beeindruckend: Immanuel Kant war im Alter ebenso dement wie Karl Marx und Edmund Husserl. Der ruhmreiche Zen-Meister Shunryu Suzuki Roshi war dement, sein Bewunderer Carl Friedrich von Weizsäcker wurde es. Ronald Reagan, der Präsident der Vereinigten Staaten war, Margaret Thatcher, britische Premierministerin, Walter Jens, der Rhetorikprofessor, Peter Falk, der Schauspieler (»Columbo«). In Mozarts Oper Don Giovanni singt Leporello die Liste der weiblichen Eroberungen des Don Giovanni in der ganzen Welt herunter (»doch in Spaniens sind’s 1003«). So könnte ein Demenz-Leporello eine lange Liste der von Demenz Eroberten in der ganzen Welt heruntersingen. Selbst Einstein war zuletzt nicht mehr in der Lage, schlichteste Rechenaufgaben zu lösen. Nicht einmal den Demenztest-Klassiker »hundert minus sieben« wusste er zu bewältigen. Stattdessen lachte er häufig grundlos, klopfte auf das Holz eines Gegenstandes, den seine Pflegerin Geige nannte, und unterhielt sich mit seiner Tabakspfeife. …“

Natürlich, jeden kann es treffen. Aber nur wenige machen sich Gedanken darüber, was dies bedeutet (mich eingeschlossen – bis jetzt!)

Über eines seiner Erlebnisse möchte ich aus dem Buch hier berichten:

„Und dann stand ich vor dem Fahrkartenautomaten, um eine Fahrkarte bis zum Bahnhof zu lösen. Ich versuchte diese Taste und jene Taste. Ich glaube, die Frankfurter Fahrkartenautomaten sind berüchtigt für ihre Undurchschaubarkeit. Ein Blick über die rechte Schulter machte mich noch nervöser, denn ich sah die Straßenbahn kommen. Erneuter Versuch, erneutes Scheitern. In mir braute sich wie ein plötzliches Unwetter an einem Sommertag ein moralisches Dilemma zusammen: Sollte ich die Bahn fahren lassen und es weiter am Automaten versuchen, oder sollte ich, um meinen Termin zu retten, ohne Fahrkarte einsteigen? Der Gedanke an einen Kontrolleur, der missbilligend mich weißhaarigen Schwarzfahrer zur Rede stellt, schreckte mich. Aber es musste entschieden werden, denn die Straßenbahn kam nun schon hinter mir zum Halten. Ich blickte etwas unsicher über die linke Schulter und sah, dass der Straßenbahnfahrer sein Schiebefenster öffnete und sein schnauzbärtiges Gesicht herausschob. »Wo willst du denn hin?«, hörte ich ihn rufen. Offenbar ein Mann mit Migrationshintergrund – wie man heute wohl korrekt sagt. Ich gab ihm Antwort, und er erklärte mir, auf welche Taste ich drücken müsse, um zum Bahnhof zu kommen. Es gelang mir schließlich, eine Karte zu ziehen, und die Straßenbahn fuhr mit mir ab. Die Geschichte hat für mich zwei – lehrreiche – Konsequenzen. Einerseits wurde mir klar, wie schnell man vom Vortragenden zum Thema Demenz, der ich bis zu meiner Ankunft am Fahrkartenautomaten war, zum Verdächtigen werden kann: Der Fahrer hielt mich sichtlich für einen etwas verwirrten alten Herrn, auf den schon der Schatten der Demenz fiel. Andererseits wurde mir – als ich nun eingestiegen war – deutlich, dass ich gerade eine Sternstunde zivilgesellschaftlichen Engagements erlebt hatte. Der Schnurrbärtig-Glatzköpfige hatte im richtigen Augenblick das einzig Richtige getan: Alle Regeln seines Berufes ignorierend, hatte er gehandelt und gemacht, was die Situation von ihm forderte: Er hatte meine Ratlosigkeit erfasst und mir mit wenigen Worten geholfen. Zu seiner Ausbildung hatte das sicher nicht gehört. Wahrscheinlich durfte er gar nicht tun, was er tat. Aber jetzt und in Zukunft werden wir – im Umgang mit der Demenz – davon leben: Dass es Menschen gibt, die sensibilisiert sind für die Hilfsbedürftigkeit anderer. Und die dann das tun, was die Situation von ihnen fordert, auch wenn das gar nicht vorgesehen ist – und vielleicht sogar einen Regelverstoß darstellt.“

Genau so verwirrt stand ich auch schon vor einem Kartenautomaten! 😦

Und dann fragt er nach den Ursachen dieser „Fehlentwicklung in unserer heutigen Gesellschaft“. Er beklagt die verloren gegangene Familienfürsorglichkeit, in der Hochaltrige und Demenz-„Kranke?“ noch leben durften. Auch die Nachbarschaftlichkeit, wo man sich noch gegenseitig half. Er schreibt, sie müssten ersetzt werden durch Sensibilität und Engagement.

In einer Sache sind wir alle gleich beschaffen: jeder wird älter – ohne Ausnahme! Jeder möchte möglichst alt werden, und zwar in Würde!

Hier noch ein kleiner Film zum Begriff „Demenz“. Diesen Begriff hält Peter Wissmann von Demenz Support Stuttgart schlichtweg für eine Unverschämtheit! Er sagt: “ Menschen mit Demenz haben viel zu sagen und wollen auch gehört werden.“

Ein Text mit tiefem Sinn, mit Seele und Magie ….

“ Ich stell‘ mich vor den bösen Blick
Deine Tränen werd‘ ich übernehmen
Alle Qualen, alle Folter überstehen
Auch wenn du greinst, du dich kasteist
Auch wenn du haderst, du dich zerreißt
Wenn sich alles verdunkelt
Bring ich dich durch die Nacht … „

Dieser berührende Song von Herbert Grönemeyer wird in einem Buch erwähnt, das ich gelesen habe. Bettina Michel schrieb es: „Papa, ich bin für dich da“.

Ein Grund, es zu schreiben war für sie: “ Raus aus der Tabuzone und hinein ins wahre Leben. “ (Artikel hier: https://rp-online.de/nrw/staedte/wesel/assauer-tochter-signiert-ihr-demenz-buch_aid-21532509 ) . Herbert Grönemeyers Song erschien ihr passend. Dem möchte ich, nachdem ich das Buch nun gelesen habe, zustimmen.

Jemanden glücklich machen …

… ist eine wundervolle Lebensformel. Gerade macht ER mich wieder glücklich, dieser hervorragende Buchautor Hanns-Josef Ortheil. Ich liebe seine berührenden Bücher und habe schon verschiedentlich darüber berichtet:

https://seelenglimmern.com/2018/02/17/bei-ortheil-denke-ich-an-schumann/

https://seelenglimmern.com/literatur-buecher-die-ich-lese/liebesnaehehanns-ortheil/

https://seelenglimmern.com/2018/02/19/kleiner-leitspruch-fuer-den-tag/

Und nun sein neuester Roman, wieder eines der berührendsten und schönsten Bücher, die ich lese. Es geht um Hemingway in Venedig – Atmosphären und Szenen sind ein weiteres Mal unsagbar schön und faszinierend beschrieben. Schon der erste Satz im Buch machte mich neugierig:

„Je connais un pays étrange où les lions volent et marchent les pigeons“  (Jean Cocteau)

„Ich kenne ein fremdes Land, in dem Löwen fliegen und Tauben laufen. „ … ja, das ist Venedig. Es gibt in Venedig eine unglaubliche Fülle von geflügelten Steinlöwen und umherlaufenden Tauben.

„Er spürte, dass sich sein Herz plötzlich wie nach einem unerwarteten Sprung auftat und ihn eine merkwürdige Wärme durchströmte. ›In den nächsten Wochen werde ich es hoffentlich besser machen als in den letzten Jahren‹, dachte er …“ (S.26).

Es gibt ein Zitat von Hemingway: „Die kürzeste Antwort auf etwas ist es einfach zu tun.“ … ja, und nun möchte ich natürlich wissen, wie er es getan hat. Also weiter im Buch 🙂 :

„Jemanden glücklich machen, ja, das war die zentrale Formel für das Leben hier. Alles, was einem sonst an Chaos und Schrecken durch den Kopf ging, geriet langsam in Vergessenheit. Das Künstliche der Stadt nahm einen für sie ein, und man wurde in ein anderes Leben gelockt, in dem die Geschichten des Festlandes Tag für Tag mehr verblassten. Dass er sich einen alten Regenmantel und eine Wollmütze übergezogen hatte, war bereits das erste Anzeichen der Metamorphose.“

Ortheil, Hanns-Josef. Der von den Löwen träumte: Roman (German Edition) (S.140).

Da fällt mir noch ein, Hemingway sagte auch: „Es gibt keinen Freund, der so treu ist wie ein Buch.“  … Hanns-Josef Ortheil´s Bücher gehören dazu 🙂