Und ich möchte auffliegen …

 

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Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.
Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;
Bunt atmen mit den Winden
In der großen Luft.
O ich bin traurig . . .
Das Gesicht im Mond weiß es.
Drum ist viel samtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,
Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch von blauen Gebüsch.
Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln,
Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.

(Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Bd.I,1. Gedichte, 1996)

Ich kenne da ein Gedicht …

Gottfried Benn nannte sie „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“. Kafka fand sie furchtbar. Für Rilke war sie Konkurrenz ….
http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/klassiker-der-weltliteratur/else-lasker-schueler-lyrik-styx100.html

Ich finde einige ihrer Gedichte so beeindruckend, so voller Liebe und Fantasie, dass ich immer wieder bei ihr lese. Kürzlich las ich ein Gedicht, das auch vertont wurde. Ich habe danach gesucht, aber diese Vertonung nirgendwo gefunden. Trotzdem kann ich die Melodie, die in ihrem Gedicht mitschwingt, erahnen.

Ich liebe ihre eigenwillige Bildsprache und ihre fantasievolle Sinnlichkeit. Hier das Gedicht, das im Moment in mir „erklingt“ –  die Melodie einer Verschmelzung, über die sie erzählt, die sie sich wünscht:

Viva!

Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes
Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht.
Ich wollte, Du und ich, wir wären eine Kraft,
Wir wären eines Blutes
und ein Erfüllen, eine Leidenschaft,
Ein heisses Weltenliebeslied!

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!
Ich wollte, dass aus unserer Kluft sich Massen
Wie Felsen aufeinandertürmen und vermünden
In einen Gipfel, unerreichbar weit!
Dass wir das Herz des Himmels ganz erfassen
Und uns in jedem Hauche finden
Und überstrahlen alle Ewigkeit!
Ein Feiertag, an dem wir ineinanderrauschen,
Wir beide ineinanderstürzen werden,
Wie Quellen, die aus steiler Felshöh’sich ergiessen
In Wellen, die dem eignen Singen lauschen
Und plötzlich niederbrausen und zusammenfliessen
In unzertrennbar, wilden Wasserheerden!
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