Denn siehe, ich will ein Neues schaffen … (Gedanken für´s Neue Jahr)

 

„Das Leben ist viel zu kostbar, als dass wir es entwerten dürften, indem wir es leer und hohl, ohne Sinn, ohne Liebe und letztlich ohne Hoffnung verstreichen lassen“, wissen wir von Václav Havel.

Auf etwas zu hoffen wird oft belächelt und man wird darauf hingewiesen, besser mal Nichts zu erwarten … ich kenne dazu eine sehr schöne Erzählung aus der Zeit, als ich mich mit der faszinierenden Theologin Dorothee Sölle sehr intensiv beschäftigte. Sie war mit Prof. Fulbert Steffensky verheiratet.

„Hoffnung

Vor einiger Zeit besuchte ich mit meiner Enkeltochter eine Freundin, die ein Kind bekommen hatte. Die Enkeltochter sah das Kind lange und bewegt an, und schließlich sagte sie:
„Es hat so schöne unabgelaufene Füße!“
So ist es auch mit dem neuen Jahr: es hat so schöne unabgelaufene Füße.
Immer wenn etwas anfängt – ein neues Leben, eine neue Zeit und ein neues Jahr, überkommt Menschen eine Art gerührter Hoffnung.

Noch ist das neue Jahr nicht verletzt, gedemütigt und beschmutzt,
noch ist es nicht korrumpiert, noch hat es wundervolle unabgelaufene Füße.

Jeder Anfang hat die Zartheit und den Glanz des Unverdorbenen.
Er ist eine Erinnerung und ein Versprechen; eine Erinnerung an alle Anfänge, die in Hoffnung begonnen wurden; ein Versprechen; einmal wird es einen Anfang geben, der nicht in Kürze überholt und in den Staub der Anfänge von gestern gesunken ist.

Es ist vielleicht ein müdes Lächeln, mit dem wir den Anfang der neuen Zeit begrüßen. Wir haben zu viele Anfänge gesehen, die nicht gehalten haben, was sie versprochen haben. Aber ganz ohne Hoffnung ist das Lächeln nicht: Wer weiß?
Es könnte ja sein, dass dieser Anfang nicht trügt. Es könnte ja sein, dass der Prophet Jesaja Recht hat:
„Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!
Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“

Prof. Fulbert Steffensky

Hauptgeschichte zur Vorgeschichte ;-)

 

Ihr erinnert euch? Es ging um den Vierzeiler:

„rebekkas lied zur guten nacht
klingt hell hinaus ins dunkle tal
erzählt vom tag der sonnig war
und frei von mühen frei von qual“

Auf die Idee kam der Poet, nachdem er Hermann Hesses „Das schreibende Glas“ gelesen hatte. Die Erzählung endete mit dem engelsgleichen Singen von Rebekka. Das Poem war dann wohl als  „Weiterführung der Geschichte“  gedacht, wurde aber nicht vollendet.

Diesen Part habe nun ich übernommen. Ich kann zwar nicht überdurchschnittlich gut dichten, aber ich kann Fantasie entwickeln und in Prosa ausdrücken, wie es gewesen sein könnte, nachdem die Protagonisten der Erzählung den Garten betreten hatten (ich fürchte, wenn der Hermann da oben das mitkriegt, spricht er keinen Ton mehr mit mir … egal, ich konnte es ja vorher nicht mit ihm besprechen!). Was nun folgt, entspringt mal wieder meinem regen und fantasievollen Gedankenfluss beim Malen:


Also nun, hier meine

Hauptgeschichte  

Es war schon nahezu Nacht, als sie den Garten betraten. Die ersten Sterne zeigten sich und der Mond stieg silberglänzend auf zum Firmament. Alles war ganz friedlich und still, bis Rebekka plötzlich ihre glockenhelle Stimme erhob und ein zutiefst berührendes Lied anstimmte. Selbst der Mond war so gerührt, dass sich ein paar Freudentränen durch seine geschlossenen Lider drängten und über seine Wangen kullerten.
Hermann hatte es sich auf der roten Gartenbank gemütlich gemacht. Er lehnte sich weit zurück, legte seinen Kopf in den Nacken, streckte seine langen Beine aus und versank in Rebekkas wundervollen, hellen Tönen. Die Arme weit ausgebreitet und ihr hübsches Gesicht dem Mond zugewandt, lies sie ihr Lied feinfühlend aus der Seele fliessen.
Die weissen, filigranen Kirschblüten am Baum begannen vor Wohlgefallen zu erzittern und manche schwebten, von den wundervollen Klängen getragen, behutsam zu Boden.

Durch Rebekkas reizende Stimme angelockt betrat nun auch Balmelli den Garten und näherte sich lautlos der hübschen, singenden Frau. Zunächst blieb er regungslos hinter ihr stehen und begann leise, ihr Lied mit seiner samtwarmen Baritonstimme zu begleiten.
Aufgeschreckt öffnete Hermann seine Augen, um diese sich ändernde Situation zu enträtseln. Balmellis Stimme wurde jetzt leiser. Abgelenkt von einem fruchtig-süssen Duft, den der noch warme Frühlingswind in seine Richtung trug, trat er näher an Rebekka heran. Es war ihr Haar, das so betörend nach pflückreifen Kirschen duftete. Angezogen von diesem unwiderstehlichen Aroma legte er seine Hände um Rebekkas Schultern und schmiegte sein Gesicht in ihre duftenden, schwarzen Locken. Rebekka erschauerte, als sie die wohlige Wärme seiner zarten Hände fühlte und ihre Stimme verstummte.
Hermann’s Füsse wippten währenddessen unruhig auf und nieder. Er war sichtlich unangenehm berührt und seine zunächst dezente Eifersucht wuchs merklich an.

In diesem Moment fiel eine Mondträne vom Himmel, direkt in Rebekkas offene, ausgestreckte Hand. Betroffen blickte sie diese erstaunt an, wusste sie doch, dass aus dieser ihre Zukunft zu lesen war – buchstabengetreuer noch, als aus einer Kristallglaskugel. Gebannt richtete sich ihr Blick ins Innere der Mondträne und sie sah … Balmelli, der Emmi’s Gesicht mit seinen warmen, zarten Händen umschlossen hielt. Rebekka konnte seine zärtlichen Worte von seinen Lippen ablesen. Sie galten allerdings nicht ihr, sondern dieser Emmi: „Liebste, erinnerst du dich, was ich dir schrieb?“, flüsterte er, „So kann Dich niemand lieben, außer mir … “.

Rebekka hatte genug gesehen, genug gehört. Empört schleuderte sie die Mondträne Balmelli mitten ins Gesicht. Balmelli, dachte sie, dieser Schmalspur-Casanova! Da war der Hermann doch nun wirklich ein ganz anderes Kaliber! Ihr liebevoller Blick, der nun Hermann galt, traf diesen mitten ins Herz.

Begossen wie ein Pudel und mit nassem, wild ins Gesicht hängendem Haar, drehte sich Balmelli Hermann zu, der noch kurz zuvor die Szene mit zornesfunkelnden Augen beobachtet hatte. Hermanns Augen strahlten nun und Balmelli lachte und zwinkerte ihm zu. „Eiderdaus, mein Freund. Wann hast du zum letzten Mal solch ein Temperament erlebt? Begreife endlich, nur hundert Prozent Einsatz bringt auch hundert Prozent Erfolg. Nun komm‘ schon, hebe deinen Hintern von dieser roten, altersschwachen Bank und übernehme, ich habe gute Vorarbeit geleistet! Ausruhen kannst du später wieder!“

Dieser Balmelli, er war es, der vor nicht allzu langer Zeit zu Hermann sagte: „ … und werde immer dein Freund sein.“ Und als solcher war es für ihn natürlich Ehrensache, Hermann in kritischen Situationen aus dessen Abgestumpftheit, dieser viel zu lange anhaltenden Trägheit zu lösen und neuer Lebenslust zuzuführen. Der Name dieser neuen Lebenslust lautete im gegenwärtigen Augenblick: Rebekka!

Ach Rebekka – sie hatte sich inzwischen wieder dem Mond zugewandt und ihre Stimme klang hell hinaus ins dunkle Tal. Sie sang vom Tag, der sonnig war und frei von Mühen, frei von Qual 🙂

© chrinolo

… und der diese weiterführende Geschichte auslösende poetische Vierzeiler: © danny
– die Vollendung des Poems steht derzeit wohl noch in den Sternen 😉