Mein traumhafter Aufstieg

 

„Jeder Geist baut sich selbst ein Haus; und jenseits seines Hauses eine Welt; und jenseits seiner Welt einen Himmel.“
Ralph Waldo Emerson

Geht es nun rauf in den Himmel oder rüber ins Jenseits? Ich denke, beides könnte richtig sein. Rüber in einen anderen Raum oder rauf in eine höhere Dimension. Jedenfalls dürfte dabei klar sein:

„Ins Paradies wird man nicht an den Haaren gezogen“  (russische Redewendung)

Ich stelle es mir so vor. Mein Aufstieg beginnt auf einer farbenfrohen Blumenwiese, auf der Millionen Tautropfen wie funkelnde Edelsteine in der Morgensonne glitzern. Jeder Tropfen reflektiert ein kleines Spektrum an Farben, die sich zu einem lebendigen Mosaik vereinen.

Ein prachtvoller Regenbogen am Horizont, dessen Farben in der Morgensonne strahlen, nimmt mich behutsam auf und trägt mich sanft empor, hinaus aus der Begrenzung der Erde hinauf in eine Welt ohne Türen und Wände. Mein Paradies öffnet sich als grenzenloser Raum, erfüllt von Licht, Liebe und Freiheit. Hier fühle ich eine Leichtigkeit, die mich alle Last vergessen lässt. Es ist ein Aufstieg ins Paradies, in dem alles möglich scheint.

Die Welt unter mir verliert an Schwere, wird zu einem flüchtigen Gemälde aus Farben und Formen, das sich sanft auflöst, während ich höher steige. Mein Herz schlägt im Einklang mit dem Rhythmus des Himmels. Jetzt beginnt mein Bewusstsein zu wachsen, getragen von einer sanften Melodie, die wie ein leiser Wind durch die Unendlichkeit weht. Jeder Atemzug erfüllt mich mit neuer Klarheit und tiefem Frieden.

Dort oben erwarten mich zwei starke Hände – sicher und warm – die mich halten und willkommen heißen. In diesem Moment erkenne ich: Ich bin angekommen, zuhause in einer Welt voller Geborgenheit und grenzenloser Weite.

An diesem Ort gibt nur das weite, offene Sein, in dem jede Seele ihren eigenen Weg findet und zugleich eins wird mit allem, was ist. Ein Gefühl tiefster Verbundenheit durchdringt mich, als würde ich Teil eines viel größeren Ganzen werden – ein Tanz aus Licht und Liebe, der niemals endet.

Während ich mein Gemälde nun beende, wird mein Geist in der gegenwärtigen Gedankenwelt weit und frei, bereit, neue Wege des Seins zu entdecken.

„In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits;
Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.“
Khalil Gibran

 

Text (außer Zitate)  und Gemälde  ©chrinolo

Der Durchschlupf

Ich saß auf dem Balkon und blickte in den wolkenverhangenen Himmel. Ein dunkles Grau blickte mir entgegen. Plötzlich aber entdeckte ich eine kleine Lücke, aus der mir ein strahlendes weiß entgegenstrahlte.

Das muss er sein dachte ich, der Durchschlupf, über den André Heller in seinem wundervollen Buch schreibt. Es ist der Weg ins Paradies, wenn wir dann endgültig diese Welt verlassen.

Der Durchschlupf – jener schmale Spalt im Grau des Himmels, durch den ein helles Weiß leuchtet – symbolisiert mehr als nur einen Moment des Lichts. Er steht für den Übergang, das Loslassen und die Hoffnung auf etwas jenseits unserer irdischen Existenz. Elisabeth Hellers Leben, das sich über ein ganzes Jahrhundert spannte, zeigt uns, wie nah dieser Durchschlupf stets ist, auch wenn wir ihn kaum wahrnehmen. In den Gesprächen mit ihrem Sohn André offenbart sie eine tiefe Weisheit: Das Verabschieden beginnt innerlich oft lange bevor der letzte Atemzug naht. Ihre Worte über Jugend, Vergänglichkeit und die Sehnsucht nach Frieden berühren und lassen uns erkennen, dass es im Leben nicht um das Festhalten, sondern um das bewusste Loslassen geht. So wie André Heller es beschreibt, ist der Durchschlupf der Weg ins Paradies – ein zarter Übergang voller Licht und Liebe. Er erinnert uns daran, dass selbst im Dunkel die Möglichkeit eines neuen Anfangs wohnt, wenn wir bereit sind, den Blick durch jene kleine helle Lücke zu richten.

Gemälde © chrinolo

Ja, jetzt fällt es mir wieder ein! Ich suche nochmals diese so berührende Stelle im Buch und lese:

„André: Möchtest du mir etwas sagen?

Elisabeth: Es gibt einen Durchschlupf.

Wo?

In mir. Man zieht sich ganz in sich zurück und sammelt sich vor dem Durchschlupf.

Du meinst einen Ausgang für die Seele? Man verschwindet auf diese Weise aus dem Körper?

Wahrscheinlich. Man kann ihn benützen oder nicht. Aber es gibt ihn, und ich weiß es.

Wie hast du ihn gefunden?

Durch nicht suchen. Er war plötzlich da. Glaub mir.

Ich glaub dir hundertprozentig.

Das ist wichtig. Ich rede nur darüber, wenn du mir glaubst.“

Heller, André. Uhren gibt es nicht mehr: Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr (S.80-81). Paul Zsolnay Verlag. Kindle-Version.

Dieser Gedanke, dass der Durchschlupf nicht etwas ist, das man erzwingen kann, sondern sich öffnet, wenn man bereit ist, erfüllt mich mit einer tiefen Ruhe. Es ist fast so, als ob das Leben selbst uns sanft auf diesen Moment vorbereitet – durch Erfahrungen, Erinnerungen und Begegnungen, die uns lehren, loszulassen. In diesem Prozess des Sich-Zurückziehens offenbart sich eine innere Klarheit, die uns hilft, das Unvermeidliche nicht als Ende, sondern als Übergang zu sehen. Vielleicht liegt darin die wahre Kunst des Lebens: das Erkennen und Annehmen dieses Spalts im Grau des Alltags, durch den Licht und Frieden dringen können. So wird der Durchschlupf nicht nur zum Symbol für das Ende, sondern auch für den Neubeginn in einer anderen Form des Seins.

Drüben, auf der anderen Seite …

 

Gleich nach der Regenbogenbrücke blickte er auf eine Wiese, die sich unvorstellbar weit ausdehnte. Farbenfroh wiegten sich Blüten sanft im Wind  ….

„In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits; Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling. Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.“ 

Khalil Gibran