Kein Durchkommen … die Grenze ist dicht!

…  aber wie denn, wenn der Weg versperrt ist? Wir vermissen uns – trotz Skype!

Schaut euch an, was meine Kinder mir schicken. Ist das nicht traurig?

Da steht sie, meine Kleine, und ist ratlos.

Ach ja, ….

„Die Erde trägt zu jeder Zeit ein Dutzend Menschen, die sich vor Sehnsucht, einer des anderen verzehren. Sie finden einander nicht.“
Walther Rathenau

Jedenfalls nicht, solange Corona noch wütet.  😦

Wie du mich damals angeschaut hast ….

Damals, als ich noch ein Kind war – dein erstes Enkelkind, das du tagein tagaus immer „im Schlepptau“ hattest. Bei der Gartenarbeit, beim Schweine- und Hühnerfüttern, bei der Arbeit auf dem Acker, wo Kartoffeln, Kukuruz (Mais) und Sonnenblumen wuchsen und auch, während du gekocht und gebacken hast.

Ich hing dir stets am Rockzipfel. Mit deiner dunkelblauen, weiten Schürze hast du mir unermüdlich die beschmutzten Händchen abgewischt und bei dieser Gelegenheit auch gleich noch die kleine, triefende Nase geputzt. All deine Aufmerksamkeit und deine ganze Liebe gehörten mir. Deine gütigen, liebevollen Augen ließen mich nie daran zweifeln.

Oft sah ich in ihnen die kleinen, leuchtenden Lichter funkeln. Und wenn ich fragte: „Oma, darf ich bei dir schlafen?“, hast du amüsiert gelächelt.

Natürlich durfte ich und kuschelte mich an sie, wenn sie mir zum Einschlafen Geschichten aus ihrer ungarischen Heimat erzählte. In diesen Momenten war ich wohl das glücklichste Kind der Welt.

Ich wünschte so sehr, sie würde mich mit ihren warmherzigen Augen noch einmal so anschauen. So wie damals ….

Manchmal lese ich wieder das wunderschöne Gedicht „Großmütterchen“ von Karl May, denn es erinnert mich sehr an sie.

Großmütterchen

Sie trug mich stets auf ihren Armen;
Sie lehrte mich den ersten Schritt.
Und weinte ich zum Herzerbarmen.
So weinte sie erbarmend mit.
Wenn sie des Abends mich ins Nestchen
Mit linder Segenshand gebracht.
So bat ich: »Bleibe noch ein Restchen«,
Und meinte da »die ganze Nacht«.

Und wenn ein böser Traum mich schreckte.
So saß sie da beim kleinen Licht,
Nahm weg den Schirm, der es bedeckte.
Und sah mir liebend ins Gesicht.
Trotz ihrer hellen Augensterne
Tat ich sodann die Frage doch:
»Ich träume ohne dich nicht gerne;
Großmütterchen, sag, wachst du noch?«

Zwar ist sie längst von mir gegangen;
Ich selbst bin alt, fast schon ein Greis,
Und fühl mich doch von ihr umfangen.
Die mich noch jetzt zu segnen weiß.
Stets ist es mir, geh ich zur Ruhe,
Als setze sie sich zu mir hin.
Und wenn ich etwas Wichtiges tue.
Kommt sie mir hilfreich in den Sinn.

So oft ich Sterne leuchten sehe,
Hell wie in meiner Jugendzeit.
Hör ich ihr Wort: »Was auch geschehe.
Du und dein Glück, ihr seid gefeit.«
Dann möcht ich, wie in jenen Tagen,
Zwar überflüssig, aber doch
Die lieben, lieben Sterne fragen:
»Großmütterchen, sag, wachst du noch?«

Es hält immer noch an, dieses Rollenspiel nach altem Muster …

Ich lese Eveline Haslers „Die Wachsflügelfrau“, die Lebensgeschichte von Emily Kempin-Spyri.

Natürlich kommen dabei viele Gedanken auf. Über „die gute alte Zeit“, in der junge Mädchen beizeiten auf ihre Zukunft/ihr Los vorbereitet wurden.
Und auch über die Situation in der heutigen Zeit – hat sich inzwischen für junge Frauen alles zum Guten gewendet?

Damals, so um 1867, hatte allein der Hausherr das Sagen und dabei die Hand auf dem Geldbeutel. Er war prädestiniert, darüber aufzuklären, was die Zukunft für alle vorsieht und was zu geschehen hat. Und er bestimmte, wann es dann Zeit für diese Aufklärung war:

„Er entdeckt zum ersten Mal die Helligkeit der Haut, von der die kräftigen Brauen, die tiefliegenden Augen sich abheben, die ungewöhnliche Linie des Mundes. Da liegt in den Winkeln etwas Spöttisches, auch die vorgeschobene Unterlippe gefällt ihm nicht. Dann dieser plötzlich aufgeschossene Körper. Schlank, biegsam. Die Brüste unter der zu eng gewordenen karierten Barchentbluse. Es rührt ihn an, es trifft ihn: Sie ist eine junge Frau geworden. Wie hat er das übersehen können.
Höchste Zeit, seine Erziehungspflichten nachzuholen.
Eigenwille, Intelligenz, Beweglichkeit hat er an seiner Tochter bewundert, aber gerade diese Eigenschaften, das sagt auch der Pädagoge Campe, verkehren sich unter dem Vorzeichen der Weiblichkeit in ihr Gegenteil. Eigenwille wird bei Frauen zu Eigensinn, Intelligenz zu Vorwitz, Beweglichkeit zu hochfliegender Phantasterei. (….)
Was soll aus mir werden? bricht es aus ihr heraus. Spyri nimmt den Zwicker ab. Mustert die Tochter mit nackten Augen, verzieht amüsiert den Mund. Was du werden sollst? Schau dir deine Mutter an.
In Emilys Wangen schießt die Röte. (….)

Die Mutter versucht vorsichtig, Emily aufzuklären. So ein Kind kommt einfach, eine Naturgewalt, die man hinnehmen muss. Emily kapiert: die Frau ist ausgeliefert, dem Ehemann, ihrem Los als Frau. (….)

Der Vater spürt ihren nach innen gewendeten Trotz. An einem Sommertag unterbricht er seine Arbeit,, ruft Emily ins Studierzimmer. Sagt Sätze wie: Ehefrau und Mutter, das ist die innerste, die ursprünglichste Berufung der Frau.
Opfer und Verzicht. Das sollst du beizeiten einüben.
Ich will aber lernen, widerspricht sie. Die Schule fehlt mir. Ich könnte ja Lehrerin werden, zum Beispiel.
Der Vater schiebt den angefangenen Zeitungsartikel zur Seite, wird grundsätzlich: Er ist gegen weibliche Lehrer. Die Physis der Frau, ganz auf empfangen und Gebären ausgerichtet, eignet sich nicht für den öffentlichen Dienst. Das weibliche Gemütsleben ist Schwankungen unterworfen, die Kinder an der öffentlichen Schule aber brauchen Disziplin, eine feste, männliche Hand. (….)

Er spricht immer noch. Weiß, was für sie gut ist.
Die Mutter hat mich aus ihrem Leib entlassen, denkt Emily, aber der Vater hat mich noch nicht aus seinem Kopf geboren.
Er weiß mich, bevor ich mich kenne. Werde ich nach dem Bild in seinem Kopf, sterbe ich noch ungeboren.“

So war das damals, um 1867. Man schickte Emily für ein Jahr in die „Löffelschleife“, um den letzten Schliff für den Heiratsmarkt zu erhalten, man lernt gutbügerliche Küche, ein paar Krumen Französisch, spielt Klavier …

Doch Emily fordert ihren Vater heraus, will Lehrerin werden. Der Vater fängt wieder an mit: Frauen, Gemütsschwankungen, fragile Physis …
Ihre Tante Johanna kommt Emily zu Hilfe und sagt: „Und doch vertraut die Natur die Kindererziehung den Frauen an!“

Daraufhin der Vater: „In der Familie, liebe Johanna! Da liegt der Unterschied. Was aber passiert in der öffentlichen Schule, wenn die Frau ihre Tage hat? Verzeih, dass ich das erwähne! (…) Ein Freier kommt, und die Lehrerin hängt ihren Beruf an den Nagel. Nicht nur in der Wirtschaft, auch hier muss man sich nüchtern fragen, hat sich der Aufwand an Geld und Kräften gelohnt?“
„Es gibt immer mehr Frauen, die freiwillig oder unfreiwillig keine Ehre eingehen, Schwager.“. „Nun, was meine Emily betrifft, so gehört sie bestimmt nicht zu dieser Gruppe, da bin ich Prophet!“

Hmmm … ein Prophet also, denke ich. Auch Propheten können ja mal irren und gottlob kam es auch so. Emily ging ihren Weg.

Aber solche „falsche Propheten“ sterben nicht aus. Es gibt sie auch heute noch, sonst würden die Frauen längst nicht mehr um ihre Rechte kämpfen müssen. Seit 1911 gibt es den „Internationalen Tag der Frauen“, an dem weltweit auf Frauenrechte und Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht wird.
Es hält an, dieses Kämpfen … gegen Männer, die ihr Machotum weiterhin zelebrieren, die immer noch „prophezeien“, dass Frauen einzig und allein dazu erschaffen wurden, um dem Manne gefügig zu sein. Wie schön wäre es doch, wenn dieses Rollenspiel nach altem Muster endlich zu Ende wäre …