Ich möchte, ich wünschte … was Liebe wirklich will.

 

Pablo Neruda, dieser große chilenische Dichter, drückt mit seinen bedeutsamen Wortbildern viele Dimensionen der Liebe aus und er tut es wie kaum ein anderer.

Liebe, wie vielfältig sie sich doch zeigt. So zart und doch unglaublich mächtig. Dann wieder unberechenbar. Und am Ende unausweichlich.

Was Pablo Neruda in seiner Liebe tun will, lesen wir am Ende dieses wundervollen Gedichtes:

„Ich möchte mit dir das machen,
was der Frühling mit Kirschbäumen macht… „         … wie schön er das sagt.

Er, der Frühling, lässt die Kirschbäume aufblühen, damit sie sich in ihrer ganzen Schönheit zeigen. Genau das will die wahre Liebe. Sie will einen anderen Menschen aufblühen lassen. Sie will, dass dieser andere Mensch die ganze Schönheit zeigt, die in ihm wohnt …

Der Kuss

Ich schicke dir einen Kuss mit dem Wind
und ich weiß, du wirst ihn spüren.
Du wirst dich umdrehen, ohne mich zu sehen, aber ich werde da sein.
Wir sind aus der gleichen Materie gemacht,
aus denen Träume gemacht sind.
Ich möchte eine weiße Wolke sein,
in einem unendlichen Himmel,
um dir überall hin zu folgen und dich jeden Augenblick zu lieben.
Wenn du ein Traum bist, wecke mich nicht auf.
Ich möchte in deinem Atem leben.
Während ich dich anschaue, sterbe ich für dich.
Dein Traum wird sein, mich zu träumen.
Ich liebe dich, weil ich dich in all‘ dem widergespiegelt sehe,
was es Schönes gibt.
Sag mir, wo du heute Nacht bist,
noch in meinen Träumen?
Ich spürte eine Liebkosung auf meinem Gesicht,
die bis ins Herz reichte.
Ich möchte bis an den Himmel reichen
und dir mit den Sonnenstrahlen schreiben, ich liebe dich
Ich wünschte, dass der Wind jeden Tag
durch dein Haar bläst,
um auch aus der Ferne
deinen Duft zu riechen.
Ich möchte mit dir das machen,
was der Frühling mit Kirschbäumen macht…

Pablo Neruda

 

Da wollen wir doch mal besser scharf trennen!

 

Es war spät geworden. Im Zimmer war es ungewöhnlich dunkel. Kein Mond und kein Stern am Himmel milderte heute diese Finsternis. Nur auf dem Tisch leuchtete eine kleine Biedermeierlampe in schwachem Licht. Biedermeier, mit zarter Ziselierung und vielen Schnörkeln. Der Verstand, der am Tisch saß und gelangweilt in einem Gedichtband blätterte, mochte keine Schnörkel. Und er mochte auch die Poesie über das Leben und die Liebe nicht, welche ihm in diesem schmalzigen Gedichtband in rührseligen Phrasen aufgetischt wurde. Gleichgültig legte er das Buch zur Seite und stierte durchs Fenster in die ausdruckslose, farblose Nacht.

Ein tiefer Seufzer unterbrach durchdringend die monotone Stille. „Mein Gott, jetzt geht das schon wieder los“, nuschelte der Verstand.

Wie schon so oft lag das Herz müde und erschöpft auf dem alten Sofa und hing seinen aussichtslos verworrenen Gedanken nach.

„Habe ich dir nicht immer wieder gesagt, dass du deine Gefühlsduseleien für dich behalten sollst? Wer will das wissen, frage ich dich? Wer? Nun hast du wieder die Quittung für dein unrealistisches Agieren! Mache endlich deine Augen auf und nimm verstandesmäßig wahr, wie die Menschen wirklich ticken!“

„Die Augen öffnen?“, stammelte das verletzte Herz, „Antoine de Saint-Exupéry lehrte mich: Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen. Man sieht nur mit dem Herzen gut!“

„Ha, Exupéry, dieser Phantast! Dieser Gutmensch … hätte der mal seinen Verstand eingesetzt, dann wäre er nicht abgestürzt! Aber nein, er musste ja die Menschen aufklären mit seinen Aufklärungsflügen, dieser leidenschaftliche Schreiber, der sich sein Leben lang nicht zwischen Fliegen und poetischem Schreiben entscheiden konnte. Das hat er nun von seiner angeblichen Berufung, die Menschen mit seinen nebelhaften Weisheiten das Lieben lehren zu wollen! Ich frage mich wirklich, wann du endlich kapierst, dass man besser mit klarer Sicht und Verstand durch´s Leben geht. Ständig gerätst du an verrohte Menschen. Kronen der Schöpfung, ohne Emotionen, ohne Fantasie, ohne Illusionen, im Innersten völlig poesielos. Hast du es noch nicht oft genug erlebt? Es bereitet ihnen Vergnügen, zu vernebeln, zu blenden und zu täuschen. Und was machst du? Anstatt auf mich, deinen Verstand, zurückzugreifen, suchst du unermüdlich – und, wie unglaublich, mit geschlossenen Augen! – das Wesentliche, sprich, das Menschliche in ihnen. Ich habe es endgültig satt, das Drama, das sich daraus jedes Mal ergibt, mit dir zusammen auszubaden zu müssen. Hast du das verstanden?“

Wieder seufzte das Herz tieftraurig, während ihm große Tränen über die Wangen rollten. „Gib zu, du willst nicht mit mir zusammenarbeiten, verweigerst ein Miteinander – verleugnest dieses „Mit Herz und Verstand“. Ja sind wir denn nicht Eins? Warum sprichst du so mit mir und würdigst meine tiefsten Herzensgefühle herab. Ach, auch du bist verletzend! Sagte Mahatma Gandhi nicht: „Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“ Oder war der etwa auch nur ein Phantast?“.

„Also da wollen wir doch mal ganz scharf trennen! Du bist viel zu emotional, unrealistisch und unvernünftig. Ich spreche dir ja nicht deine Gefühle ab, aber behalte sie gefälligst für dich! Denk dafür lieber mal nach und passe dich an! Die Menschen stehen immer im Konflikt und in Konkurrenz zueinander. Was willst du da mit Herzenswärme, oder gar Liebe, ausrichten? Liebe dich selbst, so wie das heutzutage jeder tut und mit dieser Strategie erstaunlich erfolgreich seinen Weg geht. Da arbeite ich auch gerne mit dir zusammen. Alles andere ist für mich undenkbar!“ Der Verstand verdrehte abgestumpft seine Augen.

„Anpassen?“, schrie das Herz entsetzt, „An wen? Etwa an die Ichsüchtigen, die Coolen, die Geldgierigen, die Besserwisser, die Angeber und Sprücheklopfer, die herzlos über die Gefühle der anderen spötteln? Und was heißt, alles andere ist undenkbar? Sonst hast du nichts dazu zu sagen?“

Der Verstand schüttelte kompromisslos den Kopf und entgegnete: „Ein Miteinander, wie du dir das vorstellst, ist unmöglich machbar! Ich bin Realist und sehe in Visionen und Wunschdenken keinen Sinn.“

Das Herz setzte sich augenblicklich selbstbewusst auf und trocknete die Tränen von den Wangen.
Trotzig wies es auf Worte hin, die es kürzlich gelesen hatte:

„Indem wir aussprechen,
was als undenkbar gilt,
erweitern wir unsere Vorstellung davon,
was machbar ist.“

© Markus Mirwald aus dem Buch „Der vielleicht größte Schatz“

Ja, darüber solltest du dir mal Gedanken machen, mein lieber Verstand!
Ich werde mich jedenfalls an eine gedanken- und gefühllose Welt nicht anpassen, zumal es noch andere Menschen gibt, die genau so denken wie ich.“

Daraufhin erhob sich das Herz und schlenderte hoffnungsfroh vor sich hinsingend zur Tür:

Als es dabei noch mal kurz zum Fenster zurückblickte, vor welchem der Verstand nun fassungslos stand, sah es, dass die Wolken in diesem Moment den Blick hinauf zu den Sternen freigaben. Beglückt dachte es an Charlie Chaplin und seine Worte:

„Wir brauchen uns nicht weiter
vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen
mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen
manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich,
das ist das Leben!“

Zweifellos, dies war wohl wieder solch ein Moment, wo der Verstand fragt: „Was hast du nur gemacht?“ und das Herz lächelnd antwortet: „Einen Neuanfang!“