Die Schönheit des Nichts

„Elsa bemerkte es, als sie an den ortlosen Ort in die zeitlose Zeit eintrat. In ihrer formlosen Gesamtheit lies sie alles Feste und Irdische hinter sich und fiel in die unendliche Freiheit, schwarz in schwarz wie ein in Zeitlupe explodierendes, alles Licht verschluckende Feuerwerk.
Da war sie jetzt und wusste nicht, was mir ihr passierte. Sie wusste nur, dass es ihr gut ging. Dann entzog sich der letzte Zipfel ihrer Existenz dem Tor, das sie soeben durchschritten hatte, und im gleichen Moment, da sie sich vollkommen vom Irdischen gelöst hatte, hörte das Irdische auf.  [… ]

Das Universum war leer, nur machte der Begriff von Leere keinen Sinn mehr, da die Leere voraussetzte, dass etwas voll sein konnte. Das Universum war also weder leer noch voll, doch angefüllt von Sein. Das Feste, Formbare, Endliche gehörte einer Vergangenheit an, die es nicht mehr gab. Zeit, das war an diesem Ort etwas anderes. Es gab keine verblichenen Fotos mehr und keine Menschen, die sie anguckten und von damals sprachen. Was einmal gewesen war, hatte seine Bedeutung verloren.
War es dunkel? Elsa hatte keine Ahnung. Hell oder dunkel, das spielte keine Rolle mehr. Es gab auch kein Voran in diesem neuen Zustand und doch legte Elsa, die nicht mehr Elsa hiess, darin einen Weg zurück, indem sie sich ausbreitete. Sie erfasste die Schönheit des Nichts, ertastete oder erschmeckte die Sterne in ihren möglichen Ausformungen, ohne dass es jemals Sterne gab oder eine Zunge oder Fingerspitzen, die all das hätten tun können. Eine neue Art von Sein lag vor ihr, in ihr und um sie herum. Wäre sie noch ein Mensch gewesen, so hätte sie diesen Zustand mit dem eines Kindes verglichen,, das entdeckt, wie gross, wie verrückt und wie unendlich die Welt ist. Ein Kind, das in Aufregung gerät, weil es sich ausmalt, wie das Leben, eine unendliche Tüte, prall gefüllt mit schönen Aufregungen, darauf wartet, gelebt zu werden. […]“

Wäre Elsa noch ein Mensch gewesen, hätte sie nun „von einem Glück erzählt, ungejagd von einem Gestern, niemals verführt von einem Morgen. Von einer Tapferkeit, die darin bestand, dass man völlig unabgelenkt existierte. Kein Gedanke, kein Bild, kein Gegenstand kein Wunsch und keine Sorge lenkten vom Dasein ab. Da zu sein war alles, was man hier tun konnte.“
Sie hätte erzählt, dass sie aufgehört hatte, eine Frage zu sein. Sie war jetzt Antwort.
„Das Nichts in ihren Augen war ein Etwas. Jetzt wusste sie es.“

(Aus Rabenschwärze/Der Grubenmann von Markus Kammer – ab Seite 370)

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Wenn ich denen erzählen würde, was ich hier so mache … ;-)

Es sind zwei Bände und die habe ich schon mehrmals gelesen. gerade habe ich wieder mit Band eins begonnen und nur unterbrochen, um schon wieder ein Rabenbild zu malen. Beides ist faszinierend – dieser Fantasy-Roman und Elsa, die Rabendame 😀

Es geht um Welten, die vielen Welten, die es ausser der unseren noch gibt. Und es geht um das wundervolle Nichts und den ortlosen Ort in der zeitlosen Zeit. Eine wunderschöne Geschichte, die Halo Summer noch unter dem Künstlernamen Markus Kammer geschrieben hat.

Markus Kammer=Kamark – auch er kommt in der Geschichte vor 🙂

„Elsa schwieg. Kamark gab etwas wie ein Grunzen von sich, schlang die Arme enger um sich und starrte vor sich auf die Steine. Vielleicht war ihm eingefallen, dass er eigentlich Angst vor Elsa haben sollte.
„Du?“, sagte Elsa nach einer langen Zeit des Schweigens.
Kamark sah überrascht auf.
„Hast du ein Zuhause?“, wollte Elsa wissen. „Eine Welt, aus der du kommst und in die du gehörst?“
Kamarks Mundwinkel zuckten leicht.
„Da kann ich nicht mehr hin.“
„Tut mir leid.“
„Ach, es war sowieso nicht so toll da“, sagte er.
„Warum?“
„Kann ich nicht erklären“, sagte er. „Ich sass immer nur in meinem Zimmer am Computer. Tag und Nacht. Das konnte ich am besten.“
Elsa versuchte sich vorzustellen, was er meinte. Von Computern hatte sie schon gehört. Es gab welche in Istland, das waren Maschinen, so gross wie Häuser, die etwas ausrechnen konnten. Aber wieso hatte er so eine Rechenmaschine in seinem Zimmer?
„Und das war nicht so toll?“
„Na ja“, sagte er, „ich weiss nicht, ob es echt war. Wenn du ein Computerspiel programmierst und nebenbei Pizza isst – was ist dann echter? Das Spiel oder die Pizza?“
„Was ist Pizza?“
„Etwas, das ich jetzt verflucht gerne hätte!“, grummelte er und suchte die Gegend nach Sinhines Gestalt ab. Sie war nicht zu sehen. „Etwas zu essen eben!“
„Du warst also in deinem Zimmer, mit der Maschine und der Pizza, und du bist nicht von Welt zu Welt gegangen?“
„Wie denn? So etwas gibt es doch bei uns gar nicht. Ich bin der totale Freak. Wenn ich nach Hause käme und denen erzählen würde, was ich hier so mache, dann würden sie mich einweisen!“
Elsa lachte.
„Ja, das wäre in meiner Welt genau so. Mich würden sie auch einweisen.“
„Du meinst“, sagte Kamark, „wir sind vielleicht gar nicht hier, sondern gemeinsam irre? Irgendwo eingesperrt bei Kaffee und Kuchen?“
„Dann wären wir nicht so hungrig, oder?“
„Alles Einbildung“, meinte er. „Jedenfalls – wenn wir nicht ganz richtig im Kopf sind, dann ist die da“,
er zeigte auf Sinhine, die jetzt als Punkt in der Ferne zu sehen war, „die Durchgeknallteste von uns allen.“
Elsa versuchte zu erkennen, ob Sinhine etwas mitbrachte. Sie war auf einmal schrecklich hungrig. Das lag vermutlich daran, dass alle Angst und aller Kumme von ihr abgefallen waren. Tatsächlich hielt Sinhine in beiden Händen etwas Dunkles.
„Rohes Kaninchen?“, fragte Kamark.
„Ich hoffe nicht“, sagte Elsa. „Aber warum kannst du nicht zurück in deine Welt?“
„Wenn ich das wüsste. Irgendwann hab ich den Rückweg verloren. Selbst wenn ich den noch mal finden würde, sollte ich ihn nicht benutzen. Die brauchen mich so dringend, deine Rabenkumpels, dass sie alles tun würden, um mich zu kriegen. Alles!“
Das war kein lustiger Gedanke. Er traf auf Els genauso zu wie auf Kamark.“

(aus Rabenschwärze – Das Mädchen aus Istland/Halo Summer)

Und hier mal wieder ein Bild dazu – Elsa ist ständig in meiner Nähe 🙂

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