Kosmische Dimensionen

…  im Schwebezustand lässt mich dieses wunderschöne Gedicht zurück. Im  Weltinnenraum, in dem innen und außen verschmelzen. Eben bin ich so sanft erwacht …

Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?
Ich könnte meinen, alles
wäre noch ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.
Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir; so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los,
den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie nie beschrieben
sieht mich mein Schicksal an.
Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,
rufend zugleich und bange,
dass einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.

Rainer Maria Rilke,  Die Liebende (1907)

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(co. chrinolo)

Aus gegebenem Anlass …

…. und weil ich aufmerksam dem Wetterbericht gelauscht habe, stelle ich schon mal um:
auf Herbstgedanken!
Auf gemässigte Temperaturen, buntes Laub und lustige Weinfeste.

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Und ich kramte schon mal ein paar schöne Herbstgedichte hervor. Dieses hier mildert den Abschiedsschmerz vom nun vergangenen Sommer – ja, dieser Sommer war sehr groß.

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke