Erzähl mir doch keine Märchen!

Warum denn nicht? Johann Gottfried von Herder sagte:
„Keine andere Dichtung versteht dem menschlichen Herzen so feine Dinge zu sagen wie das Märchen.“

Ich habe gerade eines gelesen, so zauberhaft, dass ich hier darüber erzählen möchte. Geschrieben hat es Susanna Tamaro. Es geht um einen Baum – einen alleinstehenden Baum. Hier ist mir gleich ein Zitat aufgefallen, das ich nicht unerwähnt lassen möchte:

„Ein alleinstehender Baum widmet sich der Betrachtung, doch einer, der eingezwängt zwischen seinesgleichen steht – wie zu Stoßzeiten in der U-Bahn -, ist früher oder später gezwungen, sich mit den anderen zu unterhalten.
Und welche Unterhaltung kann schon entstehen, wenn die Aussicht immer dieselbe ist, wenn keine Entdeckung, nichts Unvorhergesehenes das Leben bereichert?
Seit die Welt besteht, bringt die Langeweile in einer Gruppe nur eine Art von Gespräch hervor: abwechslungsreichen und doch unendlich monotonen Klatsch und Tratsch.“

Als ich den Titel des Buches „Der Tannenbaum“ entdeckte, löste er bei mir sofort Erinnerungen aus und ich fühlte wieder den Schmerz des Verlustes meiner Tanne – das war im Dezember 2009.

Meine Tanne musste gefällt werden, weil sie zu mächtig geworden war und eine Gefahr für unser Haus darstellte – dies sah ich nicht so, konnte das Baumfällen aber nicht verhindern. Sie war wunderschön :

Tanne_Dez_2009_P1040187

Wie die Tanne im Buch erlitt sie das gleiche Schicksal: beide endeten als Weihnachtsbaum! Meine stand vor der evangelischen Kirche in unserem Wohnort

Tanne vor der Kirche_P1040252

… und die Tanne in dem Buch wurde auf den Petersplatz in Rom transportiert – inklusive dem Winterschlaf haltenden Eichhörnchen Krick.

Das Buch erzählt die hinreißende Geschichte einer großen Freundschaft und der Liebe zur Natur, die bei uns Menschen zunehmend verkümmert. Es ist eines der schönsten Märchen, das ich je gelesen habe – voller tiefsinniger Gedanken und Weisheiten. Hier ein kleiner Textauszug und woran ich dabei dachte:

Krick, das Eichhörnchen, erwacht in seiner Nesthöhle auf dem Tannenbaum, der von der Waldlichtung nach Rom auf den Petersplatz transportiert worden war. Dort stand er nun als Weihnachtsbaum.  Krick ist verwirrt und glaubt zu träumen, was er nun sieht:
„Zu beiden Seiten des Tannenbaums, auf der dem Fluss gegenüberliegenden Seite, erhob sich ein großer Wald von steinernen Bäumen ohne Äste und Blätter. Sie standen perfekt in einer Reihe wie Pappeln, die zur Zellulosegewinnung angepflanzt werden, und oben auf diesen Bäumen standen Männer in Frauenkleidung, regungslos.
Das Gras der Lichtung unter ihm hatte sich in eine graue, leblose Fläche verwandelt, auf der eine  Menge Menschen umherliefen, in Gruppen wie Schafe.“ …
(Rom Petersplatz:  Die Kolonaden bestehen aus hohen Säulen.  Auf der Brüstung erheben sich 140 Heiligenstatuen)
„Einen Augenblick lang kam Krick ein fürchterlicher Zweifel: und wenn das alles wahr wäre?
Wenn er gestorben wäre, und dies wäre die Eichhörnchenhölle?
Was konnte eine Welt ohne Bäume, ohne Sträucher, ohne Gras anderes sein als die Hölle?
Der Großvater hatte ihm allerdings, während in der Ferne ein Brand loderte, einmal gesagt, dass die Hölle nur die Menschen und die Bäume betreffe. Die Bäume, weil sie nicht vor den Flammen fliehen können, und die Menschen, weil sie alles tun, um dorthin zu kommen.“   Pos. 524
 [….]
„Eines Tages hatte ihm der Großvater erzählt, dass die Eichhörnchen, wenn sie aufhörten die Bäume hinauf und hinunterzuklettern, auf einen Stern zögen und dort oben für immer zusammen lebten, in einer Welt voller Zapfen und Eicheln, ohne Jäger, ohne Raubvögel und ohne Brände.
„Ist das nicht langweilig?“, hatte Krick damals in seiner jugendlichen Ungeduld gefragt.
„Langweilig?“ Der Großvater hatte zu lachen begonnen. „Natürlich nicht. Da oben ist ein Licht, das jeden Augenblick außergewöhnlich werden lässt.“
Konnte man den Stern von hier aus sehen?
Und wie konnte man ihn unterscheiden?“             [ …… ]  Pos. 631
Hier fiel mir natürlich  „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry ein:
„Ich frage mich, ob die Sterne leuchten, damit jeder seinen eigenen eines Tages wiederfindet.“
Dieser Blick auf die Sterne – ich finde beide Märchen einfach märchenhaft, traumhaft schön und immer wieder lesenswert.

Der Tannenbaum – Das Märchen einer Freundschaft …

Pressestimmen:

„Manchmal brauchen wir Menschen eine Erinnerung daran, welchen Zauber die Natur birgt. Mit ‚Der Tannenbaum‘ ruft uns Susanna Tamaro genau das ins Gedächtnis.“ (FREUNDIN)

„Susanna Tamaro ist eine hinreißende Fabuliererin mit frischer Phantasie, Poesie und Witz.“ (Süddeutsche Zeitung)

„Eine wunderbare Fabel, die nie kitschig wirkt. Denn Susanna Tamaro schreibt voller Wärme und Humor.“ (NDR Kultur)

http://www.amazon.de/Der-Tannenbaum-M%C3%A4rchen-einer-Freundschaft/dp/3570100162

Und wenn es dann zu dir spricht …

Es ist eines der schönsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Ein Buchtipp (von wem kann der wohl sein? – ich muss lächeln, wenn ich daran denke   😀   ) bei dem ich sofort ahnte, dieses Buch passt! Es enthält alles, was ich so mag: Feinfühligkeit, Weisheit und es ist unsagbar einfühlend und zart geschrieben.
Ich glaube, es wurde geschrieben, um uns dazu zu bringen, über unser Leben nachzudenken.

Nun, heute habe ich es wieder gelesen. Weil es so berührend ist und weil … nun, sagen wir, weil es mich beim Büchersortieren festgehalten hat und sagte: Und wenn es dann zu dir spricht …

Die zwei für mich schönsten Aussagen sind:

„Weißt du, welchen Fehler man immer wieder macht?
Den, zu glauben, das Leben sei unwandelbar,
und wenn man einmal einen Weg eingeschlagen habe,
müsse man ihn auch bis zu Ende gehen.
Das Schicksal hat viel mehr Phantasie als wir.
Gerade wenn du glaubst,
du befändest dich in einer ausweglosen Situation,
wenn du den Gipfel höchster Verzweiflung erreichst,
verändert sich mit der Geschwindigkeit eines Windstoßes alles,
dreht sich und plötzlich lebst du unvermutet ein neues Leben.“

… ich schliesse die Augen, lasse diese Zeilen noch einmal an mir vorüberziehen und komme zum Schluss:

„Und wenn sich dann
viele verschiedene Wege vor dir auftun,
und du nicht weißt,
welchen du einschlagen sollst,
dann überlasse es nicht dem Zufall,
sondern setz dich hin und warte.
Atme so tief und vertrauensvoll,
wie du an dem Tag geatmet hast,
als du auf die Welt kamst,
lass dich von nichts ablenken,
warte, warte noch ein wenig.
Lausche still und schweigend auf dein Herz.
Und wenn es dann zu dir spricht,
steh auf und geh,
geh, wohin dein Herz dich trägt.“

Susanna Tamaro

und … pssst! … „Verstehen erfordert Stille.“ (S. 137)

Es gibt in diesem Buch noch so vieles, das es wert ist, verstanden zu werden …

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