Von kranken Bäumen, einsamen Männern und von der Macht der Musik

Wann hast du zum letzten Mal einen Baum umarmt, dich bewusst an ihn geschmiegt? Schon seit Anbeginn ist die Geschichte von Bäumen und Menschen untrennbar miteinander verknüpft. Schon die ältesten Völker hielten ihre Wälder heilig. Es war spannend, intensiv und sehr heilsam für sie, den Charakter eines Baumes und seine Geschichten durch eigene Erfahrung kennen zu lernen. Dies geschieht durch den Kontakt mit dem Baum, das Umarmen. Und auch die Bäume sehnen sich nach dieser Berührung. Also, nimm ihn in den Arm und nimm alles mit deinen äusseren und auch inneren Sinnen wahr. Lausche auf Botschaften, Worte, Bilder oder Töne, die in dir entstehen …..

Und interessiere dich auch dafür, was andere dabei erfahren (haben). Wie diese beiden faszinierenden Schriftsteller 🙂 :

In „Piktors Verwandlungen“ schrieb Hesse, was der einsame, kranke Baum bei der Vereinigung mit dem Mädchen fühlte:

„Er selbst aber, der Baum Piktor, blieb immer derselbe, er konnte sich nicht mehr verwandeln.Seit er dies erkannt hatte, schwand sein Glück dahin; er fing an zu altern und nahm immer mehr jene müde, ernste und bekümmerte Haltung an, die man bei vielen alten Bäumen beobachten kann. Auch bei Pferden, bei Vögeln, bei Menschen und allen Wesen kann man es ja täglich sehen: Wenn sie nicht die Gabe der Verwandlung besitzen, verfallen sie mit der Zeit in Traurigkeit und Verkümmerung, und ihre Schönheit geht verloren. [….]  Eines Tages nun  [….] ergriff ihn eine tiefe Sehnsucht, ein Verlangen nach Glück, wie er es noch nie gefühlt hatte. Und zugleich nahm ein tiefes Nachsinnen ihn gefangen, denn ihm war, als riefe sein eigenes Blut ihm zu: „Besinne dich! Erinnere dich in dieser Stunde deines ganzen Lebens, finde den Sinn, sonst ist es zu spät und es kann nie mehr ein Glück zu dir kommen.“ Und er gehorchte. Er entsann sich all seiner Herkunft, seiner Menschenjahre, seines Zuges nach dem Paradies, und ganz besonders jenen Augenblicks, ehe er ein Baum geworden war, jenes wunderbaren Augenblicks, da er den Zauberstein in Händen gehalten hatte. Damals, da jede Verwandlung ihm offen stand, hatte das Leben in ihm geglüht wie niemals! Er gedachte des Vogels, welcher damals gelacht hatte, und des Baumes mit der Sonne und dem Monde; es ergriff ihn die Ahnung, dass er damals etwas versäumt, etwas vergessen habe und dass der Rat der Schlange nicht gut gewesen sei. Das Mädchen hörte in den Blättern des Baumes Piktor ein Rauschen, es blickte zu ihm empor und empfand, mit plötzlichem Weh im Herzen, neue Gedanken, neues Verlangen, neue Träume sich im Innern regen. Von der unbekannten Kraft gezogen, setzte sie sich unter den Baum. Einsam schien er ihr zu sein, einsam und traurig, und dabei schön, rührend und edel in seiner stummen Traurigkeit; betörend klang ihr das Lied seiner rauschenden Krone. Sie lehnte sich an den rauhen Stamm, fühlte den Baum tief erschauern, fühlte den selben Schauer im eigenen Herzen. Seltsam weh tat ihr das Herz, über den Himmel ihrer Seele liefen Wolken hin, langsam sanken aus ihren Augen schwere Tränen. Was war doch dies? Warum musste man so leiden? Warum begehrte das Herz die Brust zu sprengen und hinüber zu schmelzen zu Ihm, in IHN, den schönen Einsamen? Der Baum zitterte leise bis in die Wurzeln, so heftig zog er alle Lebenskraft in sich zusammen, dem Mädchen entgegen, in dem glühenden Wunsch nach Vereinigung. [….]

Die Schöne wurde entrückt, sie sank dahin und wurde eins mit dem Baume, trieb als ein starker junger Ast aus seinem Stamm, wuchs rasch zu ihm empor. Nun war alles gut, die Welt war in Ordnung, nun erst war das Paradies gefunden. Piktor war kein alter bekümmerter Baum mehr, jetzt sang er laut ….“  [….]

In „Das Lied der Natur“ schrieb Grimaud, was der einsame Mann bei der Vereinigung mit dem kranken Baum fühlte:

„Der Baum schien wie ein Magnet eine Anziehungskraft auf meinen Körper auszuüben, die stark genug war, mich mühelos festzuhalten. Zugleich breitete sich eine heftige Weichheit in mir aus. Noch heute fällt es mir schwer, die Empfindung zu beschreiben, die mein Wesen bei diesem Kontakt erfüllte. Ich bin immer ein Einzelgänger gewesen. Die Gabe und die Gnade der Einsamkeit wurde mir mit der Geburt geschenkt, Gefühlsausbrüche, diejenigen, welche die Körper in der Liebe oder Freundschaft vereinen, sind nicht meine Sache. Doch jetzt hatte ich das Gefühl, an die mütterliche Brust geschmiegt und zugleich in der Zärtlichkeit eines Kinderblicks und seines Lächelns gefangen zu sein. Ein Saft floss in meinen Adern, Eine Art Wahnsinn durchströmte mich. Ich wünschte mir nichts mehr, als mich diesem Schwindel hinzugeben. Mein Herz weitete sich, während eine machtvolle Musik, eine Architektur aus unbekannten Tönen um mich herum klingelte. Endlich hatte die Stille ein Ende.  Ich öffnete die Augen einen Spalt. Hoch über mir bemerkte ich, während ein unbezwingbares Lächeln meine Lippen auseinanderzog, das Gegeneinanderschlagen der metallischen Früchte und dann ihr Einswerden mit dem Himmel. Die Galaxien erschienen mir plötzlich, ich hätte sie mit den Händen berühren können, so genau war ihre Zeichnung. Ich sah Dampfwolken, Sterntraueben, Splitter in unglaublichen Farben, einen Regenbogen, aus dem schillernde Partikel spritzten. Ringe liefen um Planeten, Sternenhaufen bewegten sich in der Welle, die von schrecklicher Schönheit war. Ellipsen und Spiralen, Zwiebeln und Räder, der Himmel tanzte wie ein ironisches Meer. Rote Sonnen, schwarze Monde, der Raum saugte mich an; ich breitete die Arme aus und fiel verkehrt herum in ihm. Glücklich überliess ich mich meinem Fall.   [….] “

Durch ihre „Erinnerung“ und durch das „Einswerden“ fühlte sich danach keiner mehr einsam, sondern glücklich. Und in beiden Geschichten spielt „machtvolle“ Musik! Ebenso spielen strahlende Farben und das Universum mit Sonne, Mond und den Sternen eine wesentliche Rolle – „das Schöne“ eben!

Beide Geschichten finde ich bezaubernd und sehr tiefsinnig. Und Hesse hat auf jeden Fall recht – Bäume sind Heiligtümer.

Und nun wende ich mich wieder „Yggdrasil“, der Weltesche zu und Wagners Götterdämmerung, die etwas über sie erzählt:

„An der Weltesche wob ich einst,
da groß und stark dem Stamm entgrünte
weihlicher Äste Wald.
Im kühlen Schatten rauscht‘ ein Quell,
Weisheit raunend rann sein Gewell‘ ;
da sang ich heiligen Sinn.“   [….]

Auch mich ziehen Baume magisch an und ich suche Kontakt. Wann immer ich kann, umarme ich sie. Jeder Baumgeist erzählt mir seine Geschichte: einer war sehr eigensinnig, als er wuchs, ein anderer wurde verletzt, der nächste blutet, einer lädt mich zum Sitzen ein, Zwei stehen beieinander oder sind sich zugeneigt, ein anderer liegt einsam am Boden und dann spricht einer aus dem Herz …

Von allen nahm ich mir zum Erinnern ein Bild mit (bitte anklicken)   🙂

2 Gedanken zu “Von kranken Bäumen, einsamen Männern und von der Macht der Musik

    • Das stimmt! Heute, bei der Hitze, bin ich aber nicht raus, sondern habe meine Ficus benjamina im Flur umarmt – immer wenn ich an ihr vorbei gelaufen bin 😀

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