Ist das so? Nein! Ich fühle mich wie eine Raupe in ihrem Kokon. Unfähig, das volle Potenzial zu erkennen, das in mir schlummert. Mein Leben lang wurde ich eingewickelt. Gleich nachdem ich als Baby geboren war. Dann im Kindergarten, in der Schule, im Beruf, während der Ehe und auch noch jetzt. Lage für Lage wurde mir eine Identität verpasst, die mich zu einem gleichgerichteten Gesellschaftsmitglied machen sollte. Ein Herdentier. Nein, das bin ich nicht! Ich denke, viele von euch wissen, wovon ich schreibe.
Jetzt im Alter ist es nicht mehr nötig, mich noch undurchdringlicher einzuwickeln. Für mich wird es viel bequemer, wenn ich diese Verkleidung, die man mir übergestülpt hat, ablege. Viele Belastungen sind inzwischen weggebrochen. Schule, Beruf, Ehe, Kindererziehung sind abgeschlossen und ich muss somit keine Erwartungen mehr erfüllen. Es ist nicht mehr notwendig, dass ich mich anpasse. Höchste Zeit also, mich zu ent-wickeln.
Der erste Schritt auf dem nun vor mir liegenden Weg ist, mich selbst besser kennenzulernen. Wer bin ich wirklich? Was sind meine Werte und Träume?
Ich nehme wieder eine Auszeit. Mir wird bewusst, dass ich das früher viel zu selten getan habe. Dafür war einfach keine Zeit. Heute habe ich sie. Ein willkommener Vorteil des Ruhestandes. Indem ich jetzt tief in meine Gedanken und Gefühle eintauche, kann ich mehr Klarheit gewinnen.
Die Ent-wicklung vom „Ego“ zum „authentischen Ich“ erfordert sicher Mut und Entschlossenheit. Ich muss bereit sein, einige alte Denkmuster und Gewohnheiten abzulegen. Darüber hinaus ist mir der neue Weg gänzlich unbekannt. Ich habe ihn nicht geplant und habe auch keinen Navigator bei mir. Schließlich will ich Neues entdecken.
Was ich mir vornehme sind kleine Schritte in Richtung persönlicher Veränderung und Entwicklung. Diesen Weg möchte ich mit anhaltender Achtsamkeit und einer Wahrnehmung gehen, die meine bisherige weit übertrifft. Die Scheuklappen ablegen nennt man das hier. Und bei allem, was mir begegnet, werde ich folgendes beherzigen: Nicht sofort bewerten. Es ist nicht immer sinnvoll, denn ein schnelles Urteil ist oft ein Vorurteil.
Was für ein befreiendes Gefühl es doch ist, die Ketten der Anpassung zu sprengen und sich auf einen Weg der Selbstentdeckung zu begeben. Jeder kleine Schritt fühlt sich an wie ein Sieg über die innere Stimme, die mir lange eingeprägt hat, was ich sein sollte. Ich nenne das meine „Reise zur Essenz“, denn je mehr ich über mich selbst lerne, desto klarer wird mein inneres Bild – ein Bild, das nicht durch die Meinungen anderer verzerrt ist.
In dieser Phase möchte ich mir ganz bewusst Momente der Stille schaffen, in denen ich einfach bin. Keine Ablenkungen durch Massen von Ratgebern, durch junge Besserwisser, die vom Alter noch keine Ahnung haben und von Medien, die glauben zu wissen, was ich im Alter alles brauche – nur ich und meine Gedanken. Diese Momente sind notwendig, um den wahren Kern meiner Identität zu erfassen. Dabei wird mir deutlich, dass es nicht nur um die Veränderung meines Lebensstils geht, sondern auch um eine Transformation meiner inneren Welt. Ich erkenne, dass Abgrenzung von alten Mustern nicht das Ende bedeutet, sondern den Anfang eines aufregenden Kapitels, in dem ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann.
Es wird spannend zu beobachten, wie sich meine Interessen und Leidenschaften entwickeln werden, wenn ich sie aus der engen Box befreie, in der sie gefangen waren. Ich werde feststellen, dass neue Türen aufgehen und sich Möglichkeiten entfalten, von denen ich bisher nichts wusste.
Wichtig ist nicht das Ziel dieser Reise – vielmehr ist es der Prozess selbst, der mich lehrt und stärkt. Schritt für Schritt schaffe ich Raum für neue Erfahrungen und Verbindungen, die mir helfen, ein erfüllteres Leben im Alter zu führen. Das ist es, was ich will!
Text, Foto und Gemälde © chrinolo
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