Suche nach der Insel

Jeden Tag bin ich drauf und dran, alles gut und möglichst schnell zu schaffen. Viele tun das. Und viele wünschen sich dabei mehr Zeit für Kleinigkeiten. Mal an einer Blume zu riechen oder einfach den Wolken nachzuschaun. Einfach ein bisschen mehr träumen können.
Oft denke ich, wir laufen in der heutigen Hektik Gefahr, irgendwann unsere Träume und Wünsche zu vergessen. Wir haben ja fast alles – genügend Geld, ein Haus, ein Auto etc. … und doch ist das nicht genug. Es fehlt etwas zum Glücklichsein und wir überlegen ständig, warum.
Träume und Wünsche, die tief in unserer Seele verankert sind, leben oder sterben wie eine Blume, die nicht mit Liebe gegossen und gepflegt wird. Tun wir es nicht, dann fällt Blatt um Blatt und wir bemerken es nicht einmal … eine gefährliche Unauffälligkeit! Wir nehmen sie auf den ersten Blick nicht wahr.
Dabei möchten wir so gerne auf einer blühenden Insel leben, an einem paradiesischen Ort, wo alles wächst und gedeiht.
Und tatsächlich ist es sehr wichtig, für sich irgendwo solch eine Insel zu finden.

Als ich heute Hermann Hesse las, wurde mir das wieder sehr bewusst. Er sagte, diese Insel finden wir nur in unserem Herzen.

Die Welt unser Traum

Nachts im Traum die Städt´ und Leute
Ungeheuer, Luftgebäude,
Alle, weißt du, alle steigen
Aus der Seele dunklem Raum,
Sind dein Bild, dein Werk, dein eigen,
Sind dein Traum.

Geh am Tag durch Stadt und Gassen
Schau in Wolken, in Gesichter,
Und du wirst verwundert fassen:
Sie sind dein, du bist ihr Dichter!
Alles was vor deinen Sinnen
Hundertfältig lebt und gaukelt,
Ist ja dein, ist in dir innen,
Traum, den deine Seele schaukelt.

Durch dich selber ewig schreitend,
Bald beschränkend dich, bald weitend,
Bist du Redender und Hörer,
Bist du Schöpfer und Zerstörer.
Zauberkräfte, längst vergeßne,
Spinnen heiligen Betrug,
Und die Welt, die unermeßne,
Lebt von deinem Atemzug.

Ich kenne da ein Gedicht …

Gottfried Benn nannte sie „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“. Kafka fand sie furchtbar. Für Rilke war sie Konkurrenz ….
http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/klassiker-der-weltliteratur/else-lasker-schueler-lyrik-styx100.html

Ich finde einige ihrer Gedichte so beeindruckend, so voller Liebe und Fantasie, dass ich immer wieder bei ihr lese. Kürzlich las ich ein Gedicht, das auch vertont wurde. Ich habe danach gesucht, aber diese Vertonung nirgendwo gefunden. Trotzdem kann ich die Melodie, die in ihrem Gedicht mitschwingt, erahnen.

Ich liebe ihre eigenwillige Bildsprache und ihre fantasievolle Sinnlichkeit. Hier das Gedicht, das im Moment in mir „erklingt“ –  die Melodie einer Verschmelzung, über die sie erzählt, die sie sich wünscht:

Viva!

Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes
Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht.
Ich wollte, Du und ich, wir wären eine Kraft,
Wir wären eines Blutes
und ein Erfüllen, eine Leidenschaft,
Ein heisses Weltenliebeslied!

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!
Ich wollte, dass aus unserer Kluft sich Massen
Wie Felsen aufeinandertürmen und vermünden
In einen Gipfel, unerreichbar weit!
Dass wir das Herz des Himmels ganz erfassen
Und uns in jedem Hauche finden
Und überstrahlen alle Ewigkeit!
Ein Feiertag, an dem wir ineinanderrauschen,
Wir beide ineinanderstürzen werden,
Wie Quellen, die aus steiler Felshöh’sich ergiessen
In Wellen, die dem eignen Singen lauschen
Und plötzlich niederbrausen und zusammenfliessen
In unzertrennbar, wilden Wasserheerden!
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Wie öde, JEMAND zu sein! ;-)

 

Ein sehr guter Ratschlag, den ich in „Ich und die Menschen“ von Matt Haig gelesen habe:

„Lies Gedichte. Vor allem Gedichte von Emily Dickinson. Sie können dich retten. Anne Sexton weiss viel über den menschlichen Geist, Walt Whitman weiss viel über Gras, aber Emily Dickinson weiss alles!“ 🙂

Was tue ich also? Natürlich die guten Ratschläge prüfen und befolgen, sofern sie mir sinnvoll erscheinen. Ich lese Gedichte von ihr und bin berauscht und überwältigt … sooo wundervoll sind sie. Zum Beispiel hier, dieses:

 

I‘ m Nobody! Who are you? 
Are you – Nobody – too?     
Then there’s a pair of us!    
Dont tell! they’d advertise – you know!    

How dreary – to be – Somebody!   
How public – like a Frog –  
To tell ons’s name – the livelong June – 
To an admiring Bog!      

Emily Dickinson: GEDICHT Nr. 260