Look at me … ein Stummfilm infiziert sich mit Tönen (eine kleine Geschichte)

 

Stumm dümpelte Christian, der Filmproduzent, vor seinem Akazien-Pils dahin. Er sass alleine in der urigen Waldkneipe „Akazienbrunnen“ am Rande der kleinen Stadt. Mit Daumen und Zeigefinger drehte er langsam sein Glas und beobachtete die perlenden Luftbläschen, die leise zischend hochstiegen und sich im weissen Schaum sammelten.

„Auf dem Klo kommen einem die besten Ideen?“, schoss es durch seine derzeit trägen, ausgelaugten grauen Zellen. „Mag sein, das klappt wohl bei einigen, aber nicht bei mir!“, grummelte es in seinem müden Kopf, während seine Schultern noch mehr nach unten sanken. Seine unaufschiebbare Aufgabe war: ein neuer Film muss in Produktion gehen! Aber woher Drehbuch und Darstelle nehmen?

Knarrend öffnete sich die Kneipentür und vier Männer betraten die Gaststube. Stühle wurden zurechtgerückt und die Männer setzten sich murmelnd an den Tisch. „Etwas Eigenes müsste unbedingt dabei sein“, schnappte er aus dem Gespräch auf und „wie wäre es mit „Rolling Thunder Revue“ und „im Verlauf von etwa einer Stunde stellt jeder sein Werk vor, länger wäre einfach zuviel“.“

Christian lauschte nun noch aufmerksamer dem Gespräch. Langsam nahmen die Wortfetzen Gestalt an und es kristallisierte sich immer deutlicher heraus, worum es da am Tisch eigentlich ging: ein neues Projekt! Ideen, Vorschläge und Plandaten flogen zwischen den Männern über den Tisch und fügten sich zu einem ersten „Projekt-Vorentwurf“ zusammen.

Eine ganze Weile hörte er zu. Doch dann kam der Punkt, an dem Christian entschlossen aufstand und, sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger reibend, zum Nebentisch schlenderte.

„Hört zu Jungs! Ich habe völlig unabsichtlich euer Gespräch mitbekommen. Euer Projektvorhaben klingt nicht schlecht. Ich bin Filmproduzent und ihr wollt an die Öffentlichkeit. Wie wäre es mit einem Probedreh? Ich sehe es bereits vor mir … „, sprudelte es aus ihm heraus.
Seine Augen hatten den winnetoutypischen Glanz angenommen und sein rechter Arm bewegte sich nun ausgestreckt und weit ausladend von links nach rechts. Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand streichelten aneinanderliegend und richtungsweisend über die Ferne – sein Kopfkino nahm gewaltig Fahrt auf.
Noch waren es ja nur Bilder, die vor seinem inneren Auge vorbeiflimmerten und noch fehlte der Ton, aber dieser wurde nun allmählich lauter.

Die vier Männer hatten sich aus ihrer Schockstarre erholt. Ihre immer noch sehr grossen Augen und aufgesperrten Münder entspannten sich. Und endlich stellten sie an Christian die erlösende Frage: „Was genau stellst du dir da vor?“

Christian zog sich einen Stuhl an den Tisch und setzte sich zwischen die Männer, die sich kurz vorgestellt hatten.

„Jungs, ich sehe ihn genau vor mir – The Red Hawk „, schwärmte er begeistert. „Ein aufregendes Thema!“

„Der Filmtitel wird sein: „Look At Me“
Seine Hand malte dabei einen grossen Bogen in die Luft, in dem schon der Filmtitel vor seinen Augen glänzend aufleuchtete.

Filmmusik: ein eigener „Vorstellungs- bzw. Erkennungssong“ – läuft im Vorspann der Show sowie auch im Abspann!

Besetzung:
Musican 1 – Dan Hawk (Songtexter)
Musican 2 – Til Zeile (Komponist)
Art Painter – Wolf D. Vogel (mit seinem Gemälde: Der rote Falke)
Story Writer/Poet – Wolf Riller (mit Story und Poem: Once there was a Red Hawk)

Ja und, Männer, was sagt ihr? Mensch Jungs, los jetzt, ab auf die Bühne!

Wir drehen Szene 1: die zwei Musiker betreten die Bühne und starten mit ihrem Erkennungssong: „We have a Vocation“!
Eigenkomposition! Ihr stellt euch damit vor! Los, denkt nach, was wollt ihr mit eurer Kunst zeigen?
Na gut, also auf zum Text Strophe 1, zum Beispiel: “We are musicans – Now feel and see – We bring you some sounds of harmony … etc.”

Szene 2: der Maler tritt hinzu und es folgt Strophe 2! Ihr zwei Musiker zeigt auf ihn und singt z.B. :
“He’s a painter – He shows you in colors our wonderful world – Look at his art – This comes from his heart … etc.”

Szene 3: der Story Writer/Poet ist dran, tritt hinzu und es folgt Strophe 3: ”He’s a Writer – Hear and see – He’ll tell you from … etc.” … nun ja, so ähnlich eben.
Der Text sollte jedenfalls erklären, wer ihr seid, was ihr tut und was ihr der Welt zu geben habt …..

O.k. Jungs, ihr habt euch nun musikalisch vorgestellt und es folgt ein grosser Applaus – hört ihr ihn?“
Christian klatschte und jubelte ausgiebig. Er blickte die Männer gewinnend an und grinste über’s ganze Gesicht, als er in ihren verblüfften Augen seine Wirkung beobachten konnte – sie hatten Feuer gefangen!

„So, genug Applaus! Es folgt Szene 4!  Wolf D. Vogel, nun zeige was du kannst. Sprich über dein Gemälde, erkläre z.B., dass du es für ein CD-Cover angefertigt hast und was es zeigt, weise auf die Besonderheit hin und auf die Beschaffenheit der Farben etc. ….
Wundervoll! Erneuter Applaus! Dem Publikum gefällt deine Kunst! Siehst du es vor dir, Wolf D. Vogel? Nun tritt wieder etwas zurück, wir kommen zu Szene 5: die Musiker sind wieder dran. Mit dem Song „The Hawk Spirit“ oder etwas ähnlichem.“

Christian summte eine Melodie an und dirigierte dabei. Die vier Männer lachten und pfiffen anerkennend. Ihre Freude an diesem ganzen Geschehen hatte ihre Gesichter zum Leuchten gebracht.
Nun zeigte Christian auf den Schriftsteller und sagte: „Szene 5! Du! Schau in dein Publikum und erzähle über den Falken. Bring’ deine Falkennovelle wie es einst Giovanni Boccaccio tat, das lieben die Leute!“

Und dann wieder Musik und noch ein Poem, gefolgt von einem Hawk-Song …

Der Filmproduzent war voll in seinem Element, machte faszinierende Gesten und spielte das ganze Programm so miterlebensecht und farbig durch, dass die Männer nicht genug davon kriegen konnten. In Gedanken probten sie mit ihm ihre Auftritte und waren erfüllt von Leidenschaft. Jeder bot im eigenen Traum versunken sein Kunstwerk dar und beschenkte voller Freude die erwartungsvollen Menschen. Der stetige Wechsel von Musik, Malerei und Literatur fügte sich so zu einem Gesamtkunstwerk zusammen, welches all die Menschen, die gekommen waren, glücklich machte und mit jedem Mal auf’s Neue bereicherte.

Es war inzwischen Nacht geworden und der Kneipenwirt vom Akazienbrunnen schickte sich an, sein Lokal zu schliessen. Christian stand auf und verabschiedete sich mit den Worten: „Nun macht was draus, Jungs. In einer Woche machen wir einen Vorschaudreh für euer Program und stellen ihn auf Youtube ein – mit Hinweis auf Termin und Kartenvorverkaufsstellen. Reicht euch die Zeit? Denkt an eure Eigenkomposition, eine Erkennungsmelodie ist ungeheuer wichtig! Los, Dan Hawk, mach dich an den Text! …“, und während er noch ein paar weitere Tipps aus seinem Erfahrungsschatz gab, schlenderte er zur Tür und dachte leise bei sich: „So, ein Anfang wäre gemacht. Aus diesem derzeit noch allzu „lockeren Haufen“ könnte was werden, wenn das Feuer für ihr Projekt – ihre Vocation – in ihren Künstlerseelen nicht wieder vorzeitig erlischt. Nun gut, wir werden sehen, es liegt jetzt an ihnen!“

Vertrau mir ? – Komm‘ ich erzähl‘ dir dazu eine kleine Geschichte :-)

„Orientierungslos tastete sie sich durch den finsteren Flur und eilte ihrem Zufluchtsort zu. Nahezu besinnungslos hatte sie ihn endlich erreicht, stürzte hinein und verschloss eilig die Tür. Müde und kraftlos sank sie auf ihr Lager, bauschte hastig die Daunendecke auf und formte diese zu einer Höhle. Jeder brauchte in gewissen Lebenslagen eine Höhle zum Schutz und so kroch sie auch sofort hinein.
Schon bald durchströmte sie eine wohlige Wärme und sie dachte daran, wie gut es doch die Gänse hatten. Sie waren ihr ganzes Leben lang zum Schutz in weiche, flauschige Daunen gehüllt. Mit diesen Gedanken kuschelte sie sich noch tiefer in ihre schützende Höhle, schloss die Augen und blickte zum Himmel.
Dies tat sie immer, wenn sie ihren Schutzengel auf ein Fiasko aufmerksam machen musste, welches er nicht verhindert hatte. Sie blickte also zum Himmel auf und rief nach ihm.
Nicht lange, und er erschien vor ihrem geistigen Auge. Seine blonden, langen Haare glänzten hinreißend im himmlischen Licht und ein freudiges Schmunzeln umspielte seine Lippen. Doch die Freude über ihren Wunsch, ihn zu sehen, war dafür nicht der Grund. Nein, dieses Erdenkind rief ausnahmslos nach ihm, wenn ein übersteigertes Bedürfnis etwas zu bemäkeln vorlag. Der Gedanke, dass er auch heute Nacht damit recht haben würde, lies ihn schmunzeln.
„Michael“, begann sie auch gleich mit scharfem Ton, “hör endlich damit auf, mich dazu anzustiften, mein Vertrauen jedem Dahergelaufenen zu schenken! Du siehst ja, was du wieder damit angerichtet hast! Und sag‘ ja nie mehr zu mir: Geben ist seliger denn Nehmen! Warum hast du das nicht verhindert? Ist es etwa nicht deine Aufgabe, mich zu beschützen?“
Aufgebracht zog sie die Daunendecke über ihren Kopf, um seinem missbilligenden Blick zu entgehen. Aber er stand ja vor ihrem geistigen, also dem geschlossenen, Auge und antwortete auch prompt:
“Als „Schutzmassnahme“ hatte ich dir folgenden Hinweis mit auf den Weg gegeben:
Geschenkt ist geschenkt und weg ist weg! Bedenke beim Schenken immer, dass dein Geschenk auch mal auf dem Müll landen kann und mit Füssen in den Boden gestampft wird. Vor solch einer Geringschätzung kann dich keiner schützen. Du trägst dabei stets das volle Risiko und es ist allein deine Entscheidung, ob du jemanden beschenken willst oder besser doch nicht. Was ist nun, hast du das gewusst oder nicht?“
Natürlich hatte sie es gewusst und es war ja auch nicht das erste Mal, dass ihr Vertrauen mit Füssen getreten wurde. Michael lächelte ihr freundlich zu und flüsterte: „Jemandem Vertrauen zu schenken ist trotzdem gut. Wer nichts riskiert ….  kann ich sonst noch etwas für dich tun?“

Erstaunt über dieses ermutigende, gut verlaufene Gespräch, antwortete sie jetzt etwas froher gestimmt: „Bitte, schenk‘ mir einen guten Schlaf und dazu vielleicht einen schönen Traum. Bitte!“
Behaglich zog sie dabei ihre Daunendecke glatt, streckte sich in eine bequeme Lage, atmete tief ein und öffnete die Augen. Durch das Fenster sah sie den nachtblauen Himmel und unzählige Sterne blinkten ihr zu. Einer davon stieg plötzlich auf und wirbelte tief in die Nacht hinein. Während sich sein goldener Schweif auflöste, fiel sie endlich in einen sanften, traumbeglückten Schlaf.

(Textauszug aus dem Roman „Noch 253 leere Seiten – das lange Warten auf Inspiration!“ von der zukünftigen Bestseller-Autorin Frau von Möchtegern-Kannabernochnicht )