„Ich versuche, dich in meiner Abhängigkeit zu behalten: Ich versuche, dir Angst einzujagen. Angst davor, was ich tun oder mir antun könnte (in der Hoffnung, dass du wenigstens Schuldgefühle hast und dabei an mich denkst…).
In etwa so wie Glenn Close, der im Film „Fatale Begierde“ zu Michael Douglas sagt: „Wenn ich dich nicht dazu bringen konnte, mich zu lieben oder zu brauchen, wenn du dich weder aus Mitgefühl noch aus Mitleid um mich kümmerst, wenn ich dich nicht mal dazu veranlassen kann, mich zu hassen, dann wirst du mich jetzt wohl oder übel zur Kenntnis nehmen müssen, denn ab sofort werde ich alles daransetzen, dass du Angst vor mir hast.“ […]
Was geschieht hier?
Halbwüchsige junge Leute, Minderheiten jeglicher Art, Randgruppen von überallher, sogar ganze Länder erfahren keinerlei Beachtung von auch nur irgendeiner Seite. Sie spüren oder wissen, dass niemand sie mag, sie braucht oder ihnen Aufmerksamkeit schenkt, niemand sich um ihre Leidensgeschichte schert … Früher oder später reift bei ihnen der Entschluss, auf die beschriebene Art und Weise wenigstens Hass auf sich zu ziehen, und sie beginnen, Angst um sich zu verbreiten. Sie haben gelernt, das die Angst, die sie rund um sich schüren, der einzig mögliche Ersatz für die fehlende Anerkennung ist, da ihnen Liebe nicht zuteil wurde. Ich möchte sie nicht in Schutz nehmen, kann aber nachvollziehen, warum es in unseren Grossstädten zunehmend von gewaltbereiten Gruppen wimmelt, die auf ihre Weise um Aufmerksamkeit ringen … Viele (alle, wenn nichts dagegen unternommen wird) werden später auf die schiefe Bahn geraten.
Jemand wird sie davon überzeugen, dass der einzige Weg zur Anerkennung über Macht führt.“
(aus Jorge Bucay – „Drei Fragen. Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?“)
Morgen sind hier und in anderen Bundesländern wieder Wahlen. Ich denke über diese drei Fragen nach. Und ich wünsche mir nur, dass die anderen Wähler sich ebenso diese Fragen stellen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?
Er spricht über Beziehungen, die wir zu anderen unterhalten und meint, dass wir sie in zwei Arten unterteilen können. Die alltäglichen gewöhnlichen Begegnungen, er nennt sie „Kreuzungen“, und die wichtigen tiefen Beziehungen, die intimen.
„Da gibt es die Alltagsbeziehungen ohne allzu grosses Engagement oder Bedeutung, die ich eher als „Kreuzungen“ als „Begegnungen“ nennen möchte: Der Weg eines Mannes und der einer Frau laufen immer weiter aufeinander zu, bis sie sich fast berühren; sie gehen eine Beziehung ein, aber bereits im Moment der Vereinigung beginnen sie, sich allmählich voneinander zu entfernen, bis sie sich aus den Augen verlieren. Sie haben sich gekreuzt ohne sich wirklich zu treffen.
Und da gibt es andere, intensivere und dauerhaftere Verbindungen. Zwei Wege, die sich einander annähern und eine Weile lang ein gewisses Stück parallel verlaufen. Diese Begegnungen, die, wenn sie gelingen, nicht nur tief, sondern auch innig sind, würde ich gern intime Verbindungen nennen. Ich sage immer, das Leben ist eine nichtkommerzielle, nüchterne Transaktion, in der man gibt und nimmt. Intimität hängt eng zusammen mit dem, was ich gebe, und dem, was ich empfange. Was manchmal schwer zu begreifen ist.
Die Welt ist voller Menschen, die nichts geben können und ständig etwas einfordern, aber auch voll von denen, die immer alles geben, ohne selbst je etwas nehmen zu können, weil sie glauben, mit ihrem Opfer zum Erhalt der Beziehung beizutragen. (Wenn sie wüssten, wie schrecklich es ist, jemand zur Seite zu haben, der es sich nie erlaubt zu nehmen, wären sie sicherlich erstaunt.) Es ist eine Sache, nichts für das, was man gibt, zu verlangen, aber es ist eine andere, etwas nicht annehmen zu wollen, was man geschenkt bekommt, oder es zurückweisen, weil man meint, es nicht verdient zu haben. Tief im Innern kommen beim anderen Botschaften an wie „Was du gibst, reicht mir nicht“ oder „Du hast ja gar keine Ahnung“, Was von dir kommt ist wertlos“ oder „Deine Meinung interessiert mich nicht“. Man muss wissen, welchen Schaden man anrichtet, wenn man sich systematisch weigert, etwas anzunehmen, das jemand anders einem von Herzen geben will. Ein offener, nicht abreissender und grosszügiger Austausch bei wechselseitiger Hingabe ist der beste, wenn nicht der einzige Zugang zur Intimität. Ich glaube nicht, dass jede Begegnung zur intimen Beziehung werden muss, aber ich bin der Auffassung, dass nur sie wirkliche Bedeutung hat auf dem Weg zu unserer persönlichen Selbstverwirklichung… Wenn ich ehrlich bin, dann kommen nur diejenigen, denen ich wirklich nahe komme, in Betracht, in die Liste der Menschen aufgenommen zu werden, die meine Antwort sind auf die Frage: „Wen wünsche ich mir als Begleiter, zumindest in diesem Moment meines Lebens?“ [….]
Ich spreche nicht von Intimität als Synonym für Privatsphäre oder Sexualität, ich rede nicht vom Bett oder vom Partner, sondern von allen wichtigen, tiefgründigen Begegnungen. Ich rede von Beziehungen unter Freunden, Männern und Frauen, die in ihrer Innigkeit über den gegenwärtigen gemeinsamen Moment hinausreichen können.
Intime Beziehungen sind darauf aus, nicht an der Oberfläche zu verweilen, und dieses Streben nach Tiefe verleiht ihnen Stabilität, zu halten und die Zeit zu überdauern. Eine intime Beziehung ist eine affektive Verbindung, die über das Gewöhnliche hinausgeht, denn sie beginnt in der stillen Übereinkunft, keine Angst vor dem Sich-Öffnen haben zu müssen, und mit der Zusicherung, sich ganz und gar als derjenige zeigen zu können, der man ist. Das Wort Zusicherung kommt von „Sicherheit“ und gibt der Beziehung eine andere Tragweite. In einer zugesicherten Beziehung kann man sich auf das Gesagte verlassen, und man weiss von vornherein, dass man auf den anderen zählen kann.“ … (Textauszug aus: „Drei Fragen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?“ von Jorge Bucay)
Dass man auf den anderen zählen kann … dass man sich beim anderen sicher fühlen kann. Was für eine schöne Vorstellung und was für ein schönes Gefühl, wenn es dann so ist.
Darüber hat er auch ein Buch geschrieben, das ich noch nicht gelesen habe. Ich habe mir es jedoch vorgenommen, denn ich lese gerne in seinen Büchern. Das Buch:
… so wie heute zum Beispiel ! In der Pause werde ich gefragt, was ich lese. Ich sage, dass es im Buch gerade um das Thema Konflikte geht. Und darum, wie negativ doch der Begriff „Konflikt“ immer bewertet wird. Dabei sind Konflikte in jeder Beziehung völlig normal. Sie tragen zur Klärung von Differenzen bei. Und ich sagte: „Auf jeden Konflikt folgt dann Wachstum! Und das ist positiv!“
Was dann aber wirklich folgte, war unglaublich – ein unglaubliches Grinsen strahlte mir entgegen und mich traf mal wieder fast der Schlag bei den Worten, die mich trafen bzw. wohl erheitern sollten:
„Naja, dass du nicht gerade konfliktscheu bist, wissen wir alle. Aber mit dem Wachstum scheint das nicht so hinzuhauen … hähä, stell dich mal für `nen Moment gerade hin, damit wir messen können!“
So, nun wisst ihr, wie ein Konflikt entsteht! Ich setzte mich auf meinen Bürostuhl und las, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, weiter – aber das letzte Wort dazu ist noch nicht gesprochen, das könnt ihr mir glauben!
Übrigens, wie Konflikte verlaufen können (es ist doch immer wieder das Gleiche … tzzz ), steht in dem Buch, das ich gerade lese:
„Liebe mit offenen Augen“ – Roman von Jorge Bucay
Hier ein kleiner Textauszug:
„Danach beginnen die Schwierigkeiten. Aber ich bin fest entschlossen, sie zu überwinden. Jedes Mal, wenn wir uns in etwas verstricken, finden wir auch einen Ausweg. Vielleicht sollten wir unseren Lesern erklären, dass uns das Gleiche passiert wie anderen Paaren auch und dass es sehr schmerzlich ist, wenn man sich nicht versteht. Hat man die schwierige Situation aber durchgestanden, ist die Beziehung umso stabiler, und wir entwickeln uns beide weiter.
Ich pflege Probleme direkt aufzugreifen. Du schlüpfst gern in die sympathischere und attraktivere Rolle des Gelassenen, während ich auf den Konflikt zusteuere. Aber das ist okay, so ergänzen wir uns. Bei unseren gemeinsamen Auftritten sagst du dasselbe wie ich, häufig allerdings auf unterhaltsamere Weise, so dass die Leute es besser verstehen. Es kommt jedoch auch vor – und das sollten wir nicht unerwähnt lassen -, dass wir uns im Negativen verstärken. Bislang haben wir zum Glück noch immer Auswege aus solchen Krisen gefunden.
Meine neurotische Schwäche liegt darin, dass ich alles auf einmal will. So werde ich ungeduldig und sitze dir im Nacken. Du hingegen gehst dann auf Abstand, was meinen Zustand nur noch verschlimmert. Ich verlange immer mehr, und du distanzierst dich immer stärker.
Wenn ich mir dessen bewusst werde und von dir ablassen kann, suchst du den Kontakt. Ich beruhige mich etwas, du rückst näher, ich bin noch mehr besänftigt – und schliesslich läuft alles wieder flott und reibungslos.“
p.s. das ist noch nicht das Happy-End. Im Buch geht es weiter 🙂