„Und jetzt ist alles so einfach gewesen und von der Art, als bräuchten sie keinerlei Worte zu machen, weil sie wissen, was der andere empfindet und denkt und was er als Nächstes tut. Worte markieren Unterschiede, stellen fest und rücken zurecht – in diesem Sinne stören sie vorläufig nur. Man müsste Worte anders verwenden, als Erkennungszeichen, als Bestätigung, als Ausruf, als Anfeuerung – dann wäre man schon einen Schritt weiter.
Mitten auf dem halbdunklen, fensterlosen Gang zur Buchhandlung bleibt er plötzlich stehen. Eine Sprache der Nähe …., genau das wäre es. Die Wendung durchzuckt ihn, und obwohl er noch nichts mit ihr verbindet, spürt er genau, dass er mit dieser Wendung etwas getroffen hat, wonach er lange suchte. Eine Sprache der Nähe – wonach könnte eine solche Sprache sich orientieren? Hatte sie Vorläufer, Vorgaben, wovon könnte sie lernen? Er überlegt und horcht in sich hinein, und dann kommt wie von selbst der richtige Einfall, und dieser Einfall verweist auf Musik […]
Es gibt keine intensivere Sprache der Nähe als die Musik [….]“
(Textauszug aus „Liebesnähe“/Hanss Ortheil)
Hier beende ich vorläufig mein Lesen in diesem Buch, denn mit seiner Sprache der Nähe kommt er MIR jetzt zu nahe, so wie ich auch mal jemand zunahe gekommen bin mit meiner „Sprache der Nähe“.
Ich denke nur ungern an diesen Vorworf, den mir damals diese Sprache eingebracht hat. „Du bist mir zunahe gekommen … !“
Es ist Vergangenheit und seitdem verwende ich Worte anders ….
Ich lese nochmals einen Text nach, denn der Text gefällt mir. Es geht um den Protagonisten, der über sein bisheriges Leben erzählt:
„… er hatte sich zurückgezogen, und diese Zurückgezogenheit hatte ihn nicht gestört, weil ihm das frühere, geselligere Leben nicht gefehlt hatte.
Was ihm aber umso mehr gefehlt hatte, war intensive Zuwendung, ja, er musste Zugeben, dass er sich nach einer solchen Zuwendung immer mehr gesehnt hatte. Er ahnte, wodurch diese Sehnsucht in der letzten Zeit noch zusätzlich verstärkt wurde, aber er wollte darüber jetzt, während seines Spazierganges, nicht nachdenken. Eine Zuwendung von der Art, wie er sie sich vorstellte, erhielt man nur von einem einzigen Menschen, und sie gründete in einer schon immer vorhandenen Zusammengehörigkeit. Eine solche Zusammengehörigkeit war nicht künstlich herstellbar oder mutwillig zu erzeugen, sie war vielmehr einfach da, sie war vorhanden, und sie war so mächtig, dass keiner der beiden Beteiligten überhaupt auf den Gedanken kam, sie in Frage zu stellen.
Seltsam, aber man konnte ihm diesen Gedanken einfach nicht austreiben: dass es auf dieser Welt einen Menschen geben musste, der ganz und gar zu ihm gehörte. Im Grunde steckte hinter diesem Gedanken ein naiver Glaube, der zu den starken Hoffnungen gehörte, die ihn am Leben erhielten. Es gab mehrere solcher Glaubensinhalte, an denen sein Leben hing, sie bildeten den festen Untergrund seiner Existenz, ohne sie hätte sich sein Leben bis in die kleinsten Momente anders gestaltet. Dann und wann gerieten diese Glaubensinhalte in Vergessenheit, und er dachte nicht mehr an sie, sie lebten aber ununterbrochen in ihm weiter, das wusste er genau.
An diesem Vormittag war seine Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit zum Beispiel wieder erwacht. Er wusste noch nicht, wie es dazu gekommen war, denn das ergab sich nicht aus heiterem Himmel.
Ein Sich-Verlieben mochte sich aus heiterem Himmel ergeben, das schon, ein Sich-Verlieben war aber auch etwas anderes als das Empfinden einer unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit. Er mochte die Formel „ich habe mich verliebt“ deshalb nicht. Verlieben konnte man sich schliesslich an jeder Ecke und in jedes hübsche Gesicht, sich verlieben war etwas wie Sport und daher eine kurzfristige Sache, die man höchstens mit vielen Kommentaren am Leben erhielt.
Wie sollte man es dann aber nennen? „Liebe“?! Reichte dieses Wort? „Ich liebe Dich“ – das hätte er niemals gesagt, denn die Zusammengehörigkeit, an die er dachte, hatte solche Deklamationen doch gar nicht nötig. Das Wort „Liebe“ klang in seinen Ohren auch zu sehr nach Seife und Anstand und Wohlerzogenheit, ja, „Liebe“ hatte etwas Statuenhaftes, Erstarrtes und künstlich Triumphales, das man höchstens durch Überbietung aus der Welt schaffen konnte. „Die grosse Liebe“ dagegen, ja, das war richtiger, er glaubte an „die grosse Liebe“, und die grosse Liebe war Fest, Tanz und Oper und eben keinesfalls Film, Konzert und Theater.
Film, Konzert und Theater waren die auf Anstand und Normen getrimmten Medien der „Liebe“, Fest, Tanz und Oper aber waren die verrückten Rituale „der grossen Liebe“.“
(Textauszug aus „Liebesnähe“ von Hanns Ortheil)
… wie es dann in dieser Geschichte weitergeht, finde ich unsagbar schön und faszinierend beschrieben … Emotionen sind schwer zu beschreiben, aber er, Hanns Orheil hat die Gabe dazu. Besagte Begebenheit werde ich vielleicht später noch hier zitieren, aber zunächst möchte ich die Gedanken und Gefühle, die diese dabei in mir auslöst, noch für mich selbst haben. 🙂
Ich lege jetzt mein Buch wieder zur Seite, werde meinen Schreibtisch aufräumen und die Blüten in der Vase ordnen. Einen „passenden Rahmen“ bin ich meinem schönen „Kopfkissenbuch“ schuldig, dem ich mich jetzt zuwenden und in dem ich dann die erste Seite beschreiben werde.
Es ist mir wichtig, dieses nun mehrfach erwähnte Buch im Buch, das ich gerade lese, kennen zu lernen.
Ein ganz besonderes Buch soll es sein, von dessen Existenz ich bisher nicht wusste. Oder kennt hier etwa jemand das „Kopfkissenbuch der Sei Shonagon“?
Die Protagonistin des Buches, das ich gerade lese erzählt über das „Kopfkissenbuch“ – ich habe es mir schon bestellt, weil ich es so wunderschön und geheimnisvoll finde, was darüber gesagt wird.
Hier ein kleiner Textauszug:
„Diese Aufzeichnungen sind sehr konkret und präzise und offenbaren etwas von der starken Sinnlichkeit der schönen Hofdame, die sie geschrieben hat. Als ich ihre Texte las, stellte ich sie mir manchmal vor, wie sie am frühen Morgen in ihrem Zimmer sass, um das alles noch vor ihren täglichen Verpflichtungen zu notieren. Oder wie sie in tiefer Nacht erneut ihre kleine Stube aufsuchte, um etwas niederzuschreiben, das ihr tagsüber durch den Kopf gegangen war. Sie zog sich also für das Schreiben zurück, sie wollte allein sein, und sie war dann wohl auch mit ihren Gedanken und Gefühlen immer stärker allein. Während meiner Lektüre spürte ich dann, dass sich hinter diesem Alleinsein noch etwas anderes verbarg. Die schöne Schreiberin suchte nämlich nicht nur die Ruhe des Alleinseins, sondern sie sehnte sich auch nach etwas, ja, ich spürte, dass sie sich nach einem Geliebten sehnte, ja, genau danach sehnte sie sich, all ihr Denken und Empfinden kreiste letztlich um eine ferne, noch entrückte Gestalt, als wolle sie diese Gestalt durch ihr Schreiben herbeilocken. Nirgens sprach sie direkt von ihrer Sehnsucht, und nirgens malte sie sich detailliert aus, wie ein Zusammensein mit einem solchen Geliebten aussehen könnte, nein, soweit ging sie nicht. Sie ist scheu und zurückhaltend, und sie ist so vorsichtig und empfindlich, dass ihr ein direktes Beschreiben oder Ausmalen eines intimen Zusammenseins mit einem anderen Menschen viel zu plump vorkommen würde.
Nichts ausmalen, nichts festlegen, die Phantasie nicht beengen!
Stattdessen wartet sie, sie wartet am frühen Morgen und den späten Nächten darauf, dass sich etwas bewegt. Dort – das Blitzen eines Sonnenstrahls! Dort – der nächtliche Wind! Kündigen sie etwa das Kommen des Geliebten an? Ja, sie wecken die Vorstellung, sie erregen die Phantasie, und schon entstehen langsam die ersten Bilder.
Das alles erscheint mir in der Art und Weise, wie sie sich an die Liebe herantastet, wunderschön. Sie macht sich kein Bild von der Liebe, sondern sie lässt sie entstehen, sie weiss nicht von vornherein, wie sich eine Liebe abspielt, sie hält all diese weit vorauseilenden Ideen von sich fern und schreibt stattdessen minutiös auf, wo und wie sich ihr Verlangen nach Liebe zeigt.
– Das ist erstaunlich, antwortet Katharina, ich habe diese Aufzeichnungen ganz ähnlich gelesen wie Du. Das seltsame an ihnen ist, dass man zu Beginn der Lektüre gar nicht an das Thema Liebe denkt. Zunächst notiert die Hofdame ja viel über den Alltag, sehr genau, wie du sagst, und fast immer staunend und neugierig. Man fragt sich laufend, wie sie bloss auf das alles kommt, wie es sein kann, dass ihr so viel sonst Unbeachtetes auffällt und wie es ihr auf sehr schöne Weise gelingt, knapp und konzentriert zu schreiben. Dann aber, nach einiger Zeit der Lektüre, spürt man, dass sie das alles nicht nur vor sich hin flüstert, wie man es anfänglich noch glaubte. Sie flüstert es nicht ins Leere, nein, sie flüstert es nicht vor sich hin, sondern sie möchte gehört werden, ja, sie möchte, dass jemand ihr Flüstern hört und versteht. Und auf einmal begreift man noch mehr, denn man begreift, dass dieses Flüstern einen Geliebten herbeilocken soll und dass es ein magisches Flüstern ist, magisch, beschwörend, etwas in dieser Art.
– Genau, ganz genau, antwortete Jule. Und nun musst Du Dir vorstellen, was mit mir geschah, als ich das alles begriff. Ich spürte nämlich eine tiefe Verwandtschaft, ja, ich spürte plötzlich, dass ich – genau wie die schöne Schreiberin – auf nichts mehr wartete als auf das Erscheinen eines Geliebten. All meine Rückzugsbewegungen, all mein nächtliches Lesen und Wachbleiben – was war es denn anderes als ein Warten auf dieses Erscheinen? Und so begann ich, genau im Stil und Duktus der schönen Schreiberin, dies und das zu notieren und aufzuzeichnen: Alltägliches, das mir aufgefallen oder durch den Kopf gegangen war, möglichst knapp, möglichst konzentriert. Ich habe diese kleinen Texte vor mich hingeflüstert, wie meine grosse Lehrerin es getan hat, und ich habe mir dadurch wie meine Lehrerin mit der Zeit die Figur eines Geliebten geschaffen. [….]
Ja, ich habe von einem Geliebten gesprochen, aber es kam mir gar nicht wie eine Lüge vor. Schliesslich entwickelte sich in mir sogar die fixe Idee, wirklich einen Geliebten zu haben. Er war nur noch nicht erschienen, er war noch fern, aber es gab ihn bereits, oder anders gesagt, ich war dabei, in aus weiter Ferne in meine Nähe zu locken: durch meine Notizen, durch meine Aufzeichnungen, durch mein eigenes „Kopfkissenbuch““ (aus „Liebesnähe“/H. Ortheil)
Hmmm …. ein eigenes Kopfkissenbuch – eine schöne Idee! 😀
Aber jetzt lese ich erstmal das „Kopfkissenbuch der Sei Shonagon“, sobald es bei mir eingetroffen ist und dann lese ich mein Buch „Liebesnähe“ von Hanns Ortheil zu Ende, um zu wissen, wie es ist, wenn der Geliebte der Protagonistin Jule dann tatsächlich erscheint.
Übrigens, das Buch von Ortheil beginnt mit einem sehr, sehr schönen Zitat:
„every word is like an unnecessary stain on silence …“ (Samuel Beckett)
… und hier noch der Link zum „Kopfkissenbuch der Sei Shonagon, falls dies jemanden interessiert:
„Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon ist eines der bedeutendsten literarischen Werke Japans, das noch heute fast 1000 Jahre später den Leser zu bezaubern vermag! Es ist eine Art Tagebuch und enthält Aufzeichnungen, die Sei Shonagon während ihrer Musestunden als Hofdame am Heian-Hofe niederschrieb. Sie berichtet darin Klatsch vom Kaiserhof, der viel zum Verständnis der Kultur jener Zeit beiträgt, und schildert das intime Leben und Treiben hinter den Bambusläden und Seidenvorhängen, mit all den lockeren erotischen Formen, die sich in der Hofwelt jener Zeit herausgebildet hatten. Die Heian-Zeit wird in köstlichen, farbenfrohen Miniaturen lebendig!“