Doch wenn Sie uns eine Geschichte zur Probe geben wollen …

 

„Doch wenn Sie uns eine Geschichte zur Probe geben wollen, so muss ich Ihnen sagen, welche Art ich nicht liebe. Jene Erzählungen machen mir keine Freude, bei welchen, nach Weise der Tausendundeinen Nacht, eine Begebenheit in die andere eingeschachtelt, ein Interesse durch das andere verdrängt wird, wo sich der Erzähler genötigt sieht, die Neugierde, die er auf eine leichtsinnige Weise erregt hat, durch Unterbrechung zu reizen und die Aufmerksamkeit, anstatt sie durch eine vernünftige Folge zu befriedigen, nur durch seltsame und keineswegs lobenswürdige Kunstgriffe aufzuspannen. Ich tadle das Bestreben, aus Geschichten, die sich der Einheit des Gedichts nähern sollen, rhapsodische Rätsel zu machen und den Geschmack immer tiefer zu verderben.“

 

…  Gedanken an J.W. von Goethe und seine Erzählungen begleiten mich oft beim Lesen so mancher Zeilen.

 

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Eine Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine …

„Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken.“                                               („Werther“ Brief vom 10.Mai)

Solch eine Gegend ist für mich die Kunst, die Literatur, die Musik, die Malerei. Und vor allem die Poesie.
Poeten –  warum wohl  suchen sie immer wieder Zuflucht in einer „Anderswelt“, wenn sie ihre Gedichte schreiben? Was vermag Poesie?

Nun, für mich kann sie Halt sein, kann Abstand von Problemen schaffen, kann meine Gedanken klarer und ruhiger werden lassen – während ich versuche, den Sinn der Wort-„Bilder“ zu entdecken.

Poesie will u.a. Gefühle wiedergeben, die niemals in ihrer Vollkommenheit beschrieben werden können. Die Sprache kann lediglich ein Abbild wiedergeben. Ein Poet/in versucht dies mit Hilfe von Metaphern und Vergleichen, die von uns beim Lesen entziffert werden müssen. Ist diese Fähigkeit nicht vorhanden, so wird der Text oft als „Unsinn“ empfunden. Schade, solchen Lesern bleibt ein wichtiger Bereich verschlossen.

Mir macht es Freude zu erleben, wie sich eine ganze Gefühlswelt vor mir auftut und auch die ungeheure Vielfalt von Gedankengängen zu entdecken. Zu enträtseln, was sie mir mit ihren magischen Wortgebilden mitteilen wollen. Und es ist wundervoll, mit wie viel Mühe sie darum ringen, mir diese Gefühle so real wie nur möglich nahe zu bringen.
Aber wie schon gesagt, Gefühle sind nicht so einfach in Worte zu fassen und sie bedürfen grosser Fantasie, um den Gefühlsmoment und seine Intensivität wenigstens ansatzweise mitfühlen zu können.

Wie ich gerade beim Lesen eines neuen Buches von Viktor Frankl festgestellt habe, hat dieser auch gedichtet. Wie schön, auch er hat seine Gefühle sehr poetisch beschrieben – im Buch:

„Es kommt der Tag, da bist du frei: Unveröffentlichte Texte und Reden“
September 2015 von Viktor E. Frankl

http://www.amazon.de/kommt-Tag-bist-frei-Unver%C3%B6ffentlichte/dp/3466371384

Beim Begriff „SINN“ kommt  mir Viktor Frankl zu allererst in den Sinn. Ich habe mich schon sehr viel mit seiner Person und mit seinen Lehren beschäftigt und auch in meinen alten Blogs darüber geschrieben. Nun endlich lerne ich ihn auch als „Dichter“ kennen, entdecke seine „Anderswelt“, in welche er ab und an geflüchtet ist.
Poesie – eigentlich nicht verwunderlich bei solch einem gefühlvollen und mitfühlenden Menschen. In einigen Gedichten und Texten beschreibt er, was er damals in seiner „neu erlangten Freiheit“ empfunden hat …  und er tut es wie viele andere Poeten auch: in tief poetischen und mystischen Texten. Wie z.B. hier:

Seraph,
der mir nicht verwehrte –
nein: der mir Eden verspricht;
Traumbild zur Mitternachtsstunde –
Traumspiel im dämmernden Licht …
du Opferbereite aus Mitleid –
siehe: auch ich bin bereit
– zum Verzicht!

Es ist sicherlich nicht einfach, diese Zeilen zu verstehen, ohne die Lebensgeschichte des Schreibers zu kennen.
Seraph … Engel … auch so ein unglaubwürdiges Phänomen!

Doch auch dazu hat er etwas geschrieben:

„Es gibt nun einmal Phänomene, die sich nicht wollen lassen:
ich kann nicht glauben wollen, ich kann nicht lieben wollen, ich kann nicht hoffen wollen und am allerwenigsten kann ich nicht wollen wollen.“

(aus Viktor Frankl/“Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“)

Wo wir uns der Sonne freuen …

Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los;
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.

Johann Wolfgang von Goethe

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Er hat wohl im Regen die Sonne gesucht und hier gefunden. Ruhig sitzt er nun da und gibt sich inmitten von Sonnenblumen seinen Gedanken hin. Vielleicht träumt er ja auch von den vergang’nen Sommertagen … und freut sich, dass die Natur ihm noch diesen Anblick bietet. Und ich freue mich mit ihm, an diesem nebelverhangenen, nassen Sonntagmorgen.

Goethe hat recht, wo wir uns der Sonne freuen, sind wir alle Sorgen los. Das gelingt auch unter einem Sonnenblumenkranz 🙂

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Im Moment schreibe ich hier nicht so viel, weil ich mich für eine Weile der Malerei hingegeben habe – eine Lieblingsbeschäftigung von mir an kalten Regentagen. Auch so kann ich Farbe ins Leben bringen und denke da wie Hermann Hesse:

„… denn das Zeichnen und Malen ist meine Art von Ausruhen. Das Bildchen soll Ihnen zeigen, dass die Unschuld der Natur, das Schwingen von ein paar Farben, auch inmitten eines schweren und problematischen Lebens zu jeder Stunde wieder Glauben und Freiheit in uns schaffen kann.“

Und hier entstehen meine Bilder nach Gefühl und Wohlbefinden. Dahin ziehe ich mich nun wieder zurück und vielleicht könnt ihr bald ein augengefälliges Ergebnis sehen 😉

Malstübchen