Das Veilchen

 

 

Der Blinde sitzt im stillen Tal
und atmet Frühlingsluft,
Ihm bringt ein Hauch mit einem Mal
des ersten Veilchens Duft.
Um es zu pflücken, steht er auf,
sucht, bis die Nacht sich naht,
Und ahnt nicht, daß in irrem Lauf
sein Fuß es längst zertrat.

Friedrich Hebbel

… oder

Wie viele Freuden werden zertreten, weil die Menschen meist nur in die Höhe gucken und, was zu ihren Füßen liegt, nicht achten.

Johann Wolfgang von Goethe

„Kääääse, Kääähääähääääääse!“

Meine Kindheit war zeitweise schwierig. Oft am Sonntagnachmittag, wenn ich am Kaffeetisch sass und meine Eltern mit mir Grundsatzdiskussionen führten. Stur beharrten sie auf ihrem Standpunkt: „Andere Kinder wären froh, wenn sie am Sonntag Käsekuchen hätten!“.  Ich war anderer Meinung, denn ich hasse Käsekuchen. Und dann meinten sie noch: „Kein Mann wird, wenn er klug ist, eine Frau heiraten, die keinen Käsekuchen backen kann!“. Das zog bei mir ebenso wenig, denn zu dieser Zeit waren mir Männer noch wurscht. Ich weigerte mich nach wie vor, Käsekuchen zu essen. Das ist auch heute nicht anders.
Aber es hat sich trotzdem etwas geändert: Männer sind mir im Laufe der Zeit wichtiger geworden und ich habe dabei zwei Dinge gelernt. Erstens, wie man einen traumhaften Käsekuchen herstellt und zweitens warum. Logisch – natürlich nur, weil die meisten Männer auf Käsekuchen stehen! Also, wenn das keine Motivation ist 😉
Trotzdem: ich backe Käsekuchen, aber ich esse ihn nicht. Nach ihm schaun tue
ich schon …. hauptsächlich während der letzten Backminuten!

Jaaaa, der wird – schaut gut aus: locker und saftig. Und oben mit kleinen Rissen, dann ist er richtig 🙂

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Also während ich zuvor so vor mich hin rührte, dachte ich auch an Goethe. Er taucht meistens auf, wenn ich in frühere Zeiten abtauche. Der hat sich auch mit dem Thema Käsekuchen beschäftigt – das habe ich mal auf http://www.stupidedia gelesen – etwas über die „Käsekuchen-Parabel“:

Aus der Novelle „Logiker, der auszog, das Fürchten zu lehren“ von Johann Wolfgang von Goethe:

„Haben Sie sich je gefragt, warum die Menschen gerne Käsekuchen essen?
Wenn ja, dann gehören Sie zu den wenigen Menschen, die so etwas machen.
Es wird immer wieder erwähnt, dass Käsekuchen, so verwirrend das auch scheinen mag, nicht das Geringste mit Käse zu tun hat. Das ist natürlich Quark.
Da Käsekuchen keinen Käse enthält, bleibt ziemlich viel Platz für etwas anderes, was im Fall des Käsekuchens Zucker ist. Ein Käsekuchen ohne Zucker ist vergleichbar mit einem Brokkoliauflauf ohne Tomaten, also schlicht unvorstellbar.
Für alle, die jetzt nicht wissen, wie das zu verstehen ist, hier die Argumentation:
Zucker kommt aus Zuckerrüben oder aus Zuckerrohr, Tomaten nicht. Zucker macht lustig, Tomaten wachsen auf aberwitzige Weise an einem Strauch, womit die erste Gemeinsamkeit gefunden wäre. Tomaten enthalten Zucker, und logischerweise, Zucker enthält Tomaten. Brokkoliauflauf, der wie Käsekuchen keinen Käse enthält, keinen Brokkoli enthält und entgegen seinem Namen eine Leckerei darstellt, wäre ohne Tomaten, also ohne Zucker, genauso ungenießbar wie Käsekuchen. Wer diese Schlussfolgerung für an den Haaren herbeigezogen hält, hat völlig Recht, und genauso wenig ist nachvollziehbar, dass Käsekuchen gegessen wird, weil er schmeckt. Brokkoliauflauf wird auch nicht gegessen, weil er schmeckt, sondern weil er gesund ist, genau so gesund wie Käsekuchen. Deshalb: guten Hunger!“

WOW … das war mal wieder lehrreich! Trotzdem, ich esse ihn nicht, auch wenn er schmeckt und das sieht ganz danach aus 🙂

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Die Fühlfäden unserer Seele in besonderen Zuständen …

Sie bewirken oft, dass sich „Vorahnungen“ in mir breit machen. Ich nehme eine Zeit lang Veränderungen wahr, wundere mich zunächst und dann wird mir meist klar, dass ich nichts an dem Geschehen ändern kann. Ich bin gezwungen es hinzunehmen. Die Situation verändert sich zunehmend und Vorahnungen zeichnen plötzlich ein Bild, das ganz schön nervös macht. Es könnte sein, dass bald etwas passieren wird, was das Leben verändern könnte.
Noch ist es ruhig, aber die Vorahnung ist da:
ETWAS STIMMT DA NICHT ! HÖCHST MERKWÜRDIG !

Auch Goethe und Rilke waren mit Vorahnungen behaftet, haben sich damit beschäftigt und darüber geschrieben. Hier, etwas zum Nachdenken:

Vorgefühl

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

(Rainer Maria Rilke/aus: Das Buch der Bilder)

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„Dieses Ereignis“, sagte Goethe, „ist allerdings höchst merkwürdig. Aber dergleichen liegt sehr wohl in der Natur, wenn wir auch dazu noch nicht den rechten Schlüssel haben. Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt und wie es mit unserm Geiste in Verbindung steht.
So viel ist wohl gewiss, dass in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die nächste Zukunft verstattet ist.“

(Johann Wolfgang von Goethe/ aus Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens – Kapitel 277)