„Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken.“ („Werther“ Brief vom 10.Mai)
Solch eine Gegend ist für mich die Kunst, die Literatur, die Musik, die Malerei. Und vor allem die Poesie.
Poeten – warum wohl suchen sie immer wieder Zuflucht in einer „Anderswelt“, wenn sie ihre Gedichte schreiben? Was vermag Poesie?
Nun, für mich kann sie Halt sein, kann Abstand von Problemen schaffen, kann meine Gedanken klarer und ruhiger werden lassen – während ich versuche, den Sinn der Wort-„Bilder“ zu entdecken.
Poesie will u.a. Gefühle wiedergeben, die niemals in ihrer Vollkommenheit beschrieben werden können. Die Sprache kann lediglich ein Abbild wiedergeben. Ein Poet/in versucht dies mit Hilfe von Metaphern und Vergleichen, die von uns beim Lesen entziffert werden müssen. Ist diese Fähigkeit nicht vorhanden, so wird der Text oft als „Unsinn“ empfunden. Schade, solchen Lesern bleibt ein wichtiger Bereich verschlossen.
Mir macht es Freude zu erleben, wie sich eine ganze Gefühlswelt vor mir auftut und auch die ungeheure Vielfalt von Gedankengängen zu entdecken. Zu enträtseln, was sie mir mit ihren magischen Wortgebilden mitteilen wollen. Und es ist wundervoll, mit wie viel Mühe sie darum ringen, mir diese Gefühle so real wie nur möglich nahe zu bringen.
Aber wie schon gesagt, Gefühle sind nicht so einfach in Worte zu fassen und sie bedürfen grosser Fantasie, um den Gefühlsmoment und seine Intensivität wenigstens ansatzweise mitfühlen zu können.
Wie ich gerade beim Lesen eines neuen Buches von Viktor Frankl festgestellt habe, hat dieser auch gedichtet. Wie schön, auch er hat seine Gefühle sehr poetisch beschrieben – im Buch:
„Es kommt der Tag, da bist du frei: Unveröffentlichte Texte und Reden“
September 2015 von Viktor E. Frankl
http://www.amazon.de/kommt-Tag-bist-frei-Unver%C3%B6ffentlichte/dp/3466371384
Beim Begriff „SINN“ kommt mir Viktor Frankl zu allererst in den Sinn. Ich habe mich schon sehr viel mit seiner Person und mit seinen Lehren beschäftigt und auch in meinen alten Blogs darüber geschrieben. Nun endlich lerne ich ihn auch als „Dichter“ kennen, entdecke seine „Anderswelt“, in welche er ab und an geflüchtet ist.
Poesie – eigentlich nicht verwunderlich bei solch einem gefühlvollen und mitfühlenden Menschen. In einigen Gedichten und Texten beschreibt er, was er damals in seiner „neu erlangten Freiheit“ empfunden hat … und er tut es wie viele andere Poeten auch: in tief poetischen und mystischen Texten. Wie z.B. hier:
Seraph,
der mir nicht verwehrte –
nein: der mir Eden verspricht;
Traumbild zur Mitternachtsstunde –
Traumspiel im dämmernden Licht …
du Opferbereite aus Mitleid –
siehe: auch ich bin bereit
– zum Verzicht!
Es ist sicherlich nicht einfach, diese Zeilen zu verstehen, ohne die Lebensgeschichte des Schreibers zu kennen.
Seraph … Engel … auch so ein unglaubwürdiges Phänomen!
Doch auch dazu hat er etwas geschrieben:
„Es gibt nun einmal Phänomene, die sich nicht wollen lassen:
ich kann nicht glauben wollen, ich kann nicht lieben wollen, ich kann nicht hoffen wollen und am allerwenigsten kann ich nicht wollen wollen.“
(aus Viktor Frankl/“Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“)