Ikarus – eine andere kleine Geschichte

 

Wenn die Sonne erlischt

Lange Zeit stand sie jeden Morgen am Himmel, rollte ihr flimmerndes Goldorange über die Wiesen vor dem Haus aus. Es war wunderschön anzusehen, wie sie dann später hoch am Himmel stand und die große Weite umspannte, wie sie Energie, Wärme und Lebensfreude spendete. Staunend suchte Ikarus ihre überwältigende Anziehungskraft zu ergründen.

Aber er musste sich vorsehen, ihr nicht zu nahe zu kommen. Bewundernd spürte er ihre enorme Kraft und sah immer wieder zu ihrer leuchtenden Glut hinauf. Fasziniert weidete er dabei seine oftmals schmerzenden, geblendeten Augen an ihrem wechselnden Lichtspiel, das die Welt verzauberte. Natürlich war ihm bewusst, dass sie nicht nur für ihn allein schien, sondern dass sie ihre Energie über die ganze Welt ergoß und auch vielmals mit gigantischen Lichtblitzen vergeudete.

Ihre Energie war nicht unendlich, verbrauchte sich zusehends und nahm unaufhaltsam mit der Zeit ab. Langsam begann sie zu schrumpfen, zog sich todmüde, wund und erschöpft in den Abendhimmel zurück. Eines Tages dann, am Ende ihrer Zeit, hüllte sie sich zum letzten Mal in ihr glutrotes Kleid und erstrahlte im letzten Aufblühen in unglaublicher Schönheit.  Letztlich ergab sie sich entkräftet ihrer Natur, verkümmerte zunächst zum weißen Zwerg, dann zum schwarzen und schließlich erlosch sie ganz.

Ikarus nahm dies alles mit Bestürzung wahr.
Er vermisste darauffolgend ihre strahlende Wärme und ihren goldenen Schein, der seinen Tag erhellte.
Doch nun hatte er auch nichts mehr zu befürchten, weder ihre Nähe noch den Absturz, der ihm in ihrer Nähe drohte.

Von diesem Zeitpunkt an stand keine Sonne mehr über ihm am Himmel, sondern nur noch ein erloschener, kalter Geröllhaufen im weiten Universum … lebensfern und der Welt entrückt.

Text und Gemälde © chrinolo

p.s.  Die Gestalt des Ikarus hat immer wieder viele Künstler inspiriert.

Ich habe ihn in meiner kleinen Geschichte da oben nicht abstürzen lassen !  😉

2017 habe ich ihn gemalt und mir meine Gedanken gemacht – hier  🙂  :
https://seelenglimmern.com/2017/02/26/ach-immer-diese-belehrungen/

Wie ich nun wieder einmal auf dieses Thema komme? Nun, es gibt auch einen weiblichen Ikarus.
„Die Wachsflügelfrau – Geschichte der Emily Kempin-Spyri“ – ein Roman von Eveline Hasler, eine wahre und bewundernswerte Lebensgeschichte. Ich lese sie gerade  🙂

 

Nachtrag – das Thema ist noch nicht vom Tisch ;-)

 

Inmitten eines prächtigen Blumenmeeres schlief eine wunderschöne Krötenprinzessin schon seit 100 Jahren in ihrem metallisch glänzenden Schloss, bis ein heftiger Regenschauer, der an die Metallwände prasselte, sie weckte. Eine naturliebende Gärtnerin hatte gerade die Blumen gegossen. Die Tropfen fielen schwer aus der Gießkanne und erschütterten dröhnend das ganze Metallschloss.

Verstört blickte die aufgeschreckte Krötenprinzessin plötzlich in ein unbekanntes Gesicht und traute ihren Augen kaum.

Endlich, er war da: ihr Prinz!

Aber was hatte der vor? In Seiner Hand lag kein Schwert, wie das sonst bei Prinzen üblich ist. Nein, ein schwarzer kleiner Kasten war auf sie gerichtet und eine Glaslinse blitze ihr entgegen. So etwas hatte sie noch nie gesehen und fühlte sich plötzlich wie in einen Science Fiction-Film versetzt. Zutiefst erstarrt saß sie da und ihr Blick wurde immer finsterer, während sich der untrügliche Gedanke in ihr Bewusstsein einschlich, was dieser Bursche da vor hatte: Dieser falsche Prinz wollte sie keinesfalls küssen, sondern nur ein Foto schießen – und das nur, um es einer Anderen zu zeigen!  😲

Empört zog sie sich in ihr metallisch glänzendes Schloss zurück und vergrub sich in den dunklen Kellergewölben, um die nächsten 100 Jahre zu verschlafen.

Zufrieden mit sich und dem tollen Foto machte sich der Science Fiction-Prinz sogleich auf den Weg zu seinem Computer, lud das Foto hoch und verschickte es unverzüglich per Mail an eine tierliebe Bekannte, die als Erste von seiner neuesten Eroberung erfahren sollte.

© Wolfgang Weber (danke für das inspirierende Foto 😍 )

Letztendlich können wir daraus schließen, wie sich die Zeiten ändern und auch die Prinzen, die nicht mehr küssen wollen, sondern lediglich fotografieren.   😉

So ein Kamel!

 

Querulant oder Querdenker? Eines haben sie meistens gemeinsam: sie sind äußerst unbequem für die Gesellschaft. Sie hemmen unseren gewohnten Lebensfluss … kommen uns in die Quere, weil sie eben anders sind. Wer kennt nicht den Spruch, der zu diesen Gelegenheiten oft folgt: „So ein Kamel!“

„So ein Kamel!“, tobte der Kameltreiber und riss seine Arme hoch, als wollte er vom Allmächtigen schon wieder einmal Hilfe erbitten. Als sich jedoch nichts tat und sich der Himmel wie gewöhnlich nicht öffnete, sprang der aufgebrachte Mann von einem Bein auf das andere, dass der Wüstensand um ihn herum nur so staubte.
„Dieses Kamel hält mir mit seinem Querstand die ganze Karawane auf, wo wir ohnehin schon viel zu langsam sind. Wie soll ich da bis zum Morgen auf dem Basar sein? Heee, du Querulant, reihe dich sofort wieder in Laufrichtung ein, wie sich das für ein Kamel gehört!“
Das Kamel jedoch richtete sich augenblicklich noch querer aus, damit der Querwinkel exakt 90 Grad ergab. Dann blickte es den Kameltreiber tiefsinnig und äußerst welterfahren an: “Nicht Querulant, mein Lieber. Queeeeerdenker! Ich bin ein Querdenker! Ich suche und finde neue Wege, die schneller und bequemer zum Ziel führen.“
„Was bist du? Ein Querdenker? Ich habe in gutem Glauben ein Kamel gekauft, das schnurstracks in der Reihe läuft! Schau dir deine Brüder an und lerne von ihnen!“

„Meine Brüder sind sehr erschöpft und durstig. Sie sind so erschöpft, dass sie nicht einmal mehr den Kopf drehen können. Aber wie glücklich können sie sich schätzen, dass sie einen Querdenker in der Familie haben. Einen, der über den Tellerrand … ähm, über den Dünensand hinausschaut. Einen, der sich in der Wüste auskennt und der weiß, dass ein frisch getränktes Kamel bedeutend schneller läuft. Nur darum habe ich „quer“ gedacht und mich auch quer gestellt. Würdest du das auch tun, dann könntest du sehen, dass da drüben eine kleine Oase mit frischen Wasser ist. Wasser ist Leben und nicht nur das. Wir Kamele leben mit Wasser schneller … und laufen auch schneller!“

Der Kameltreiber erhob sofort, nachdem er das gehört hatte, seine Augen gen Himmel und sprach: „O Allmächtiger, wie danke ich dir, dass du mir diesen Querulanten … sorry, ich meinte natürlich Querdenker … mit auf den Weg gegeben hast. So ein kluges Kamel … ein querdenkendes!“

Den anderen Kamelen rief er dann hastig zu: „Aaaaachtung! Alles quergestanden! Wir marschieren zur Quelle. Und das nächste Mal denkt ihr gefälligst quer mit!“

Da blickte der querulante Querdenker sehr zufrieden drein, schüttelte kurz seinen wuschigen Höcker und trabte gemütlich mit seinen Brüdern auf die Oase zu.

„So ein Kamel!“, dachte es bei sich und blickte zum Kameltreiber hinüber, „Und jeden Tag kannst du einem begegnen. Die sterben nie aus … “

Gemälde und Text © chrinolo