Ich will "Abrentnern" – und zwar sofort! :-)

„Abrentnern“ – was für ein Wort! 😀 Ich lese in „Fuckin Sushi“ und lache. Diesen kleinen Textauszug muss ich hier einfach festhalten:

„Seit wir nach Bonn umgezogen sind, spürte ich tief im Innern ein Gefühl, das ich nicht richtig beschreiben konnte. Eine verschwommene Vision und Wunschvorstellung, für die ich nie den passenden Ausdruck fand. Abrentnern bezeichnete diesen Zustand genau, das Wort beschrieb einen Idealzustand. Es gab nicht viele Sätze, die ich unterschrieben hätte, doch Ich will Weltfrieden und Abrentnern sofort gehörte auf alle Fälle dazu.
Natürlich musste die Gesundheit mitspielen. Ein Krückstock und Rollator wäre o.k. gewesen, vielleicht sogar ein Rollstuhl. Man durfte nur nicht blind werden oder taub. Vielleicht ein bisschen Rheuma, Asthma oder Gicht, ein erhöhter Cholesterinspiegel und Probleme mit dem Blutdruck, auf keinen Fall aber eine Krankheit wie die von Oma Frese.
Ein Gebiss würde ich in Kauf nehmen. Auch Krankenhausaufenthalte, aber höchstens für eine Woche. Dabei fand ich die Vorstellung gar nicht so schrecklich, allerdings lag ich auch noch nie im Krankenhaus, sondern war dort immer nur zu Besuch. Das Essen sollte furchtbar sein und man verbrachte viel Zeit mit sich.Im Grunde genommen stellte ich mir ein Krankenhaus wie Gefängnis vor, nur mit netteren Menschen. Dafür sind alle krank.
Zum Abrentnern bräuchte ich nicht viel. Ein Zimmer, ein Fernseher, einen Computer mit Internet, Taschengeld und Essen auf Rädern. Auf ein auto würde ich verzichten, wenn ich umsonst Bus und Bahn fahren darf. Ich möchte viele Ausflüge unternehmen, durch Fussgängerzonen spazieren und mir Staudämme ansehen. Meinetwegen auch in Gruppen, morgens hin, abends zurück. Ich könnte aber auch wie die Küblers den ganzen Winter auf einer warmen Insel verbringen. Überhaupt würde ich gern am Meer leben. Nicht um zu schwimmen, sondern wegen der Aussicht, der Wellen und des Rauschens. Meer war für mich wie das Video zu einem Lied, das nie aufhörte.
Manchmal, wenn ich nachts wach geworden war und wieder einschlafen wollte, mich auf den Bauch rollte, die Beine ausstreckte, meinen Kopf ins Kissen presste und die Augen schloss, sah ich, wie ich einen Strand entlang spazierte, ganz langsam, gegen den Wind. Ich hatte Gummistiefel an, die Kapuze meiner Regenjacke aufgesetzt und guckte durch ein kleines Loch. Ich schaute an mir hinab und sah in dem Ausschnitt meinen Ärmel, das Bündchen und meine Hand, die eine andere Hand hielt. Die andere Hand war kleiner, aber genauso schrumpelig und die Fingernägel der anderen Hand waren rot lackiert. Es war eindeutig eine Frauenhand, und wegen dieser Hand wusste ich, dass ich nicht schwul war. […]
„Ist das eigentlich normal, dass ich so oft ans Abrentnern denke?“ fragte ich René. „An eine einsame Insel mit Hängematte, um mich herum das Meer, Schildkröten und Affen. Ich bin doch noch viel zu jung.“
„Quatsch“, antwortete René. „Du bist im genau richtigen Alter. Was nützt dir das Abrentnern denn, wenn du alt und krnak bist, nichts mehr siehst und im Rollstuhl hockst?“
„Oder Krebs hast oder einen Schlaganfall bekommst“, sagte ich leise. „Oder einen Herzinfarkt“, ergänzte René. „Das ist ja das Perverse. dass du gar nicht weisst, ob du es bis zur Rente überhaupt schaffst.“
„Und ob es dann noch Rente gibt“, sagte ich. René nickte. „Eigentlich müsste man mit dem Abrentnern viel früher anfangen“, schlug er vor. „Nicht erst mit siebzig Jahren, sondern schon mit zwanzig.“
„Direkt nach der Schule“, sagte ich. „Als fliessender Übergang.“
„Genau“, nickte er. „Was spricht überhaupt dagegen?“ Er machte eine kurze Pause und sah mich an. „Nichts“, antwortete er. „Man muss einfach nur die Reihenfolge tauschen. erst Schule, dann Rente, dann Arbeit.“ „Richtig“, rief ich. „Man teilt einfach die Lebenserwartung durch drei, sagen wir fünfundsiebzig. Das macht dann fünfundzwanzig Jahre Schule, fünfundzwanzig Jahre Rente und ab fünfzig arbeiten bis zum Umfallen.“
„Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten“, erklärte René.“Das ist nur gerecht.“ Ich nickte. René schaute auf die Maulwurf-Uhr über meinem Schreibtisch. Ich war ganz aufgeregt. „Wir sollten eine Partei gründen“, rief ich tatendurstig.
„Oder zusammen Musik machen“, meinte René ….“ 😀

… oder zusammen Musik machen! Die Grundidee zur Gründung einer Band.

Ich finde es echt gelungen, wie Marc Degens hier die alterstypischen Vorstellungen eines Teenagers in die Story einbaut. Einfach wundervoll, wie er (be-)schreibt. Und nun freue ich mich darauf, wie es weitergeht … :yes:

2 Gedanken zu “Ich will "Abrentnern" – und zwar sofort! :-)

    • finde ich auch, das buch hat mir sehr gefallen. erinnert teilweise an die eigene jugendzeit 🙂

      ich hätte gerne noch weiter gelesen, nachdem die band kurz nach dem durchbruch abgestürzt ist – der grund: ein Strudel aus Streit und Eifersucht. eigentlich schade, wie das oftmals so ist …

      danke für deinen kommi!

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