Dem Meer ganz nah …

„Endlich wieder am Meer“ werde ich bald sagen können. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich nach langer Zeit endlich wieder am Meer stehe. Besonders jetzt, wo die kommende Kaminzeit vor der Tür steht.

Dort wird es warm sein, sodass ich die Balkontür während der Nacht geöffnet lassen kann. Die Sterne werden dann zu mir hereinfunkeln und ich werde ganz still sein. Und …

Wenn ich ganz still bin

Wenn ich ganz still bin
kann ich von meinem bett aus
das meer rauschen hören
es genügt aber nicht ganz still zu sein
ich muss auch meine gedanken vom land abziehen

Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen
ich muss auch das atmen dem meer anpassen
weil ich beim einatmen weniger höre

Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen
ich muss auch händen und füßen die ungeduld nehmen

Es genügt nicht hände und füße zu besänftigen
ich muss auch die bilder von mir weggeben

es genügt nicht die bilder wegzugeben
ich muss auch das müssen lassen

Es genügt nicht das müssen zu lassen
solange ich das ich nicht verlasse

Es genügt nicht das ich zu lassen
ich lerne das fallen

Es genügt nicht zu fallen
aber während ich falle
und mir entsinke
höre ich auf
das meer zu suchen
weil das meer nun
von der küste heraufgekommen
und in mein zimmer getreten
um mich ist

Wenn ich ganz still bin.

(ein wunderschönes Gedicht von Dorothee Sölle)

Lieben lernen …

„Wenn wir von ´lieben lernen` sprechen, so ist es eigentlich die Aufmerksamkeit auf die Realität des Anderen, die zu lernen ist. “ Dorothee Sölle

Der Andere? Dorothee Sölle schreibt weiterhin:

Der furchtbare Tod der Beziehungslosigkeit

„Wir atmen noch, konsumieren weiter, wir scheiden aus, wir erledigen, wir produzieren, wir reden noch vor uns hin und leben doch nicht. … Alleinsein und dann alleingelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann den Menschen misstrauen und sie verachten; die anderen vergessen und dann vergessen werden; für niemanden da sein und von niemandem gebraucht werden; um niemanden Angst haben und nicht wollen, dass einer sich Sorgen um einen macht; nicht mehr lachen und nicht mehr angelacht werden; nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden; der schreckliche Tod am Brot allein. … Das ist der Tod, von dem die Bibel spricht; der Mensch, für den die anderen nicht Reichtum bedeuten, Herausforderung, Glück, sondern Angst, Bedrohung, Konkurrenz, der Mensch, der von Brot allein lebt und daran stirbt, am Brot allein, von dem man nicht leben kann.“

Mir fällt dazu ein Märchen ein, das eigentlich keines ist. Die Realität beweist uns, dass es gerade heutzutage oftmals zutrifft, dass …..

Der alte Großvater und sein Enkel

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen …; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm nass.

Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen.

Wie sie da so sitzen, trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. ‚Was machst du da?‘ fragte der Vater. ‚Ich mache ein Tröglein,‘ antwortete das Kind, ‚daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.‘

Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten sofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Gebrüder Grimm (Grimms Märchenbuch)

Dieses Märchen berührt doch sehr, findet ihr nicht? Doch es hat ein Happy End.

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas jedoch ist der Meinung:

Wir verfügen noch nicht über eine „semantische Differenz“ zwischen dem, „was moralisch falsch, und dem, was zutiefst böse ist.“

Ich hoffe, er hat wenigstens in diesem Punkt Unrecht. Zumindest haben doch die meisten von uns schon früh gelernt : Du sollst Vater und Mutter ehren!

All dies waren spontan aufkommende Gedanken und Zwischenbetrachtungen, während ich das Buch „Mystik und Widerstand“ von Dorothee Sölle las. Ich bin damit immer noch nicht zu Ende, weil … ja, darum vielleicht:

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, warum lesen wir dann das Buch?“ (Franz Kafka)

Mystik und Widerstand – Dorothee Sölle

„Mein Ziel ist es, die Erfahrung des unbekannten Lebens ‚zurückzuholen’ als etwas, das uns gestohlen wurde, noch ehe wir geboren waren. Ich will mich dem schicksalhaften Zwang der Moderne nicht absolut unterwerfen und entsprechend nicht die Wissenschaft zu dem totalitären Gott machen, neben dem wir keine anderen Götter haben sollen“, schreibt Dorothee Sölle.

Konstantin Wecker hat ein großes Buch der leider verstorbenen Theologin Dorothee Sölle entdeckt. Er liest es als Protest gegen die Entzauberung der Welt und als Ermutigung, mystische Einheitserfahrungen weiter zu suchen. https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/008795.html  

Das ist ein guter Grund, finde ich!

Ich bewundere Dorothee Sölle auch sehr und habe bereits über sie berichtet, u.a. hier: https://seelenglimmern.com/2015/12/20/hoffnung-fuer-das-neue-jahr/

Ihr Buch, von dem Konstantin Wecker spricht, habe ich allerdings noch nicht gelesen. Das werde ich jetzt nachholen 🙂 Sie beschäftigte sich zeitlebens mit den Texten der großen Mystiker. Deren bildgewaltige Sprache beeindruckte sie sehr.

Ich habe auch ein interessantes Referat von Margarita Walther zum Buch gelesen, hier: https://schweiz-in-stille.ch/assets/Texte-f.-Momente/UEBER-DOROTHEE-SOELLES.pdf

So, und nun bin ich gespannt auf das Buch 🙂