„Endlich wieder am Meer“ werde ich bald sagen können. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich nach langer Zeit endlich wieder am Meer stehe. Besonders jetzt, wo die kommende Kaminzeit vor der Tür steht.
Dort wird es warm sein, sodass ich die Balkontür während der Nacht geöffnet lassen kann. Die Sterne werden dann zu mir hereinfunkeln und ich werde ganz still sein. Und …
Wenn ich ganz still bin
Wenn ich ganz still bin kann ich von meinem bett aus das meer rauschen hören es genügt aber nicht ganz still zu sein ich muss auch meine gedanken vom land abziehen
Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen ich muss auch das atmen dem meer anpassen weil ich beim einatmen weniger höre
Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen ich muss auch händen und füßen die ungeduld nehmen
Es genügt nicht hände und füße zu besänftigen ich muss auch die bilder von mir weggeben
es genügt nicht die bilder wegzugeben ich muss auch das müssen lassen
Es genügt nicht das müssen zu lassen solange ich das ich nicht verlasse
Es genügt nicht das ich zu lassen ich lerne das fallen
Es genügt nicht zu fallen aber während ich falle und mir entsinke höre ich auf das meer zu suchen weil das meer nun von der küste heraufgekommen und in mein zimmer getreten um mich ist
„Wenn wir von ´lieben lernen` sprechen, so ist es eigentlich die Aufmerksamkeit auf die Realität des Anderen, die zu lernen ist. “ Dorothee Sölle
Der Andere? Dorothee Sölle schreibt weiterhin:
Der furchtbare Tod der Beziehungslosigkeit
„Wir atmen noch, konsumieren weiter, wir scheiden aus, wir erledigen, wir produzieren, wir reden noch vor uns hin und leben doch nicht. … Alleinsein und dann alleingelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann den Menschen misstrauen und sie verachten; die anderen vergessen und dann vergessen werden; für niemanden da sein und von niemandem gebraucht werden; um niemanden Angst haben und nicht wollen, dass einer sich Sorgen um einen macht; nicht mehr lachen und nicht mehr angelacht werden; nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden; der schreckliche Tod am Brot allein. … Das ist der Tod, von dem die Bibel spricht; der Mensch, für den die anderen nicht Reichtum bedeuten, Herausforderung, Glück, sondern Angst, Bedrohung, Konkurrenz, der Mensch, der von Brot allein lebt und daran stirbt, am Brot allein, von dem man nicht leben kann.“
Mir fällt dazu ein Märchen ein, das eigentlich keines ist. Die Realität beweist uns, dass es gerade heutzutage oftmals zutrifft, dass …..
Der alte Großvater und sein Enkel
Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen …; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm nass.
Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen.
Wie sie da so sitzen, trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. ‚Was machst du da?‘ fragte der Vater. ‚Ich mache ein Tröglein,‘ antwortete das Kind, ‚daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.‘
Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten sofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.
Gebrüder Grimm (Grimms Märchenbuch)
Dieses Märchen berührt doch sehr, findet ihr nicht? Doch es hat ein Happy End.
Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas jedoch ist der Meinung:
Wir verfügen noch nicht über eine „semantische Differenz“ zwischen dem, „was moralisch falsch, und dem, was zutiefst böse ist.“
Ich hoffe, er hat wenigstens in diesem Punkt Unrecht. Zumindest haben doch die meisten von uns schon früh gelernt: Du sollst Vater und Mutter ehren!
All dies waren spontan aufkommende Gedanken und Zwischenbetrachtungen, während ich das Buch „Mystik und Widerstand“ von Dorothee Sölle las. Ich bin damit immer noch nicht zu Ende, weil … ja, darum vielleicht:
„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, warum lesen wir dann das Buch?“ (Franz Kafka)
„Mein Ziel ist es, die Erfahrung des unbekannten Lebens ‚zurückzuholen’ als etwas, das uns gestohlen wurde, noch ehe wir geboren waren. Ich will mich dem schicksalhaften Zwang der Moderne nicht absolut unterwerfen und entsprechend nicht die Wissenschaft zu dem totalitären Gott machen, neben dem wir keine anderen Götter haben sollen“, schreibt Dorothee Sölle.
Konstantin Wecker hat ein großes Buch der leider verstorbenen Theologin Dorothee Sölle entdeckt. Er liest es als Protest gegen die Entzauberung der Welt und als Ermutigung, mystische Einheitserfahrungen weiter zu suchen. https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/008795.html
Ihr Buch, von dem Konstantin Wecker spricht, habe ich allerdings noch nicht gelesen. Das werde ich jetzt nachholen 🙂 Sie beschäftigte sich zeitlebens mit den Texten der großen Mystiker. Deren bildgewaltige Sprache beeindruckte sie sehr.