Zauberhafte rehbraune Augen-Blicke

Guckuck! …  nur zögernd und überaus vorsichtig schob es sein unbeschreiblich hübsches Köpfchen hinter dem Baum hervor. Ich war ganz nah bei ihm   🙂

Seine Neugier war unverkennbar. Langsam wagte es, einen Schritt nach vorne zu setzen, dann zwei …  und ich rief zu ihm rüber: „Komm´ ruhig näher, ich habe dir ein feines Freßchen mitgebracht.“

„Wie – du hast wirklich was zum Fressen mitgebracht?“, fragte es scheu und leckte sich genussfreudig die Lippe.

„Warte, ich komme. Muss mich nur noch kurz hinterm Ohr kratzen … da juckt´s ! “

„Schau, bin schon unterwegs. Was gibt es denn heute zu Mittag?“, fragte es erwartungsvoll.

„Hier bin ich!“, begrüßte es mich.
Während es mich dann mit seinen dunklen, geheimnisvollen, rehbraunen Augen ansah, war auch er gleich zur Stelle: mein alter Freund Hesse – Hermann Hesse.

Er lächelte und machte es sich in meinen Gedanken gemütlich (dort steht immer ein großer, weicher Ohrensessel für ihn bereit  🙂  . Ruhig und bedächtig, wie es seine Art war, begann er zu sprechen. Seine Worte klangen wieder traumhaft schön – ich glaube fast, das kleine Reh hat sie auch gehört. Sein tiefgründiger, vertrauensvoller Blick lies darauf schließen:

„Ich bin der Hirsch und du das Reh,
Der Vogel du und ich der Baum,
Die Sonne du und ich der Schnee,
Du bist der Tag und ich der Traum.

Nachts aus meinem schlafenden Mund
Fliegt ein Goldvogel zu dir,
Hell ist seine Stimme, sein Flügel bunt,
Der singt dir das Lied voll der Liebe,
Der singt dir das Lied von mir.“

Oh, wie liebe ich Hermann Hesses romantisches Liebeslied, das er für Ruth Wenger, seine zweite Frau, geschrieben hat   🙂

„Du bist das Reh …“, flüsterte ich danach verträumt diesem allerliebsten, anmutigen Tier zu.

Aufgeschreckt von lautem Rascheln hinter mir, blickte ich mich um und sah sie.

„Essen ist fertig! Wo steckst du denn schon wieder?“ , rief sie in den Wald.  (nur so nebenbei: Hermann Hesse kam auch sehr oft zu spät zum Essen  😏  )

„Reg´ dich nicht schon wieder auf, mein Rehlein. Bin ja schon da.“, antwortete er und zwinkerte (natürlich mit dem rechten Auge, das konnte ich mit der Kamera leider nicht erfassen. Aber ich habe es genau gesehen   🙂  ) .

„Wie? Es gibt was zu Fressen? Wo denn?“, schallte es von der anderen Seite.

„Aber ihr werdet doch hoffentlich nicht ohne mich anfangen!“, fragte ein anderer. Sein ernster, zweifelnder Blick sprach für sich.

Ja, und dann ging die Fresserei los – ich bin respektvoll ein wenig zur Seite getreten, um nicht zu stören (zum Vergrößern bitte anklicken):

Zwei von ihnen hatten beschlossen, ihr Mahl gemeinsam zu genießen – ist ja gewöhnlich auch sehr angenehm (aber es gibt auch Ausnahmen, die ein gemeinsames Essen ausschlagen   😉  ).  Doch diese zwei haben es augenscheinlich genossen:

Anschließend suchte sich dann jedes der Tier ein bequemes Plätzchen für das Mittags-Nickerchen und ich ging eine Curry-Wurst essen   🙂

Das waren einige wunderschöne Momente für mich während meiner Hessen-Reise. Die Begegnung mit Rehen lasse ich mir nicht entgehen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe …  und den Blick in ihre wunderschönen, geheimnisvollen, rehbraunen Augen  <3

Scott, lieber Scott …

 

So lange hatte ich ihn nicht gesehen, musste durch die Medien erfahren, dass Khan und Ayla, seine Geschwister, inzwischen gestorben sind. Gleich nach meiner letzten HWS-OP habe ich mir ganz fest vorgenommen, dass ich ihn unbedingt sehen muss … schnellstens, sobald ich wieder richtig laufen kann. Und nun, endlich war ich auf dem Weg zu ihm.

Als ich im Wildpark Alte Fasanerie in Klein-Auheim ankam, war mein erster Weg der zum Wolfsgehege. Noch 850m … ich musste schmunzeln, als ich diesen Hinweis las:

… ich und rennen, dachte ich. Meine Güte, ich bin froh, dass ich zu ihm laufen kann. So viele Schritte bin ich seit den zwei OPs nicht am Stück gelaufen. Aber heute schaffe ich das!

 

Am Wolfshügel angekommen suchte ich ihn, lief um das ganze Wolfsgehege und suchte und wartete. Aber da war weder Mensch noch Tier. Gut, dachte ich, es ist ja noch früh und irgendwann wird er ja aus seiner Höhle kommen. Ich setzte mich also vor den Zaun und beobachtete den Wolfshügel. Doch vergeblich. Es war still und nichts bewegte sich. „Scott, bitte, ich möchte dich so gerne sehen“, rief ich zur Höhle hinüber, „jetzt bin ich von so weit her zu dir gekommen. Ich weiß, du hast Probleme mit dem Laufen, so wie ich auch. Trotzdem bin ich gekommen, weil es wahrscheinlich das letzte Mal sein wird, dass wir uns sehen … bitte Scott!“. Mir war zum Weinen, ich hatte mich so auf ihn gefreut. Aber es blieb still.

Ich hatte mich dazu entschlossen, nun erst mal nach den anderen Wölfen zu sehen, den Grauwölfen und den jüngeren drei weißen Wölfen. Nach ein paar Schritten drehte ich mich noch einmal herum und … ich traute meinen Augen kaum. Da war er, kam hinter dem Hügel hervor und direkt auf mich zu. Er sah mich an, ja – er sah mich!

Zum Vergrößern bitte anklicken!:

Er legte sich vor mich hin und tausend Gedanken strömten durch mich hindurch – Erinnerungen! An damals, als sie noch zu dritt waren und ich auch nach ihnen gerufen habe:

https://seelenglimmern.com/2015/07/18/gluecklich-unter-woelfen/

Nun lag er eine Weile da, während unzählige Erinnerungen an die phantastischen Drei an mir vorüberzogen – Die Phantastischen Drei  :  http://www.dr-marion-ebel.com/Die_Woelfe.html

Dann stand er wieder auf, ging langsam  zurück zu seiner Höhle und verschwand. Schade, dachte ich, er hätte ruhig noch ein bisschen bleiben können. Doch zum Glück kam dann Frau Dr. Ebel, seine Ziehmutter, zur Fütterung angefahren.

Sie lockte ihn wieder aus seiner Höhle und ich konnte zusehen, wie sie ihm sein Futter reichte: „Vielleicht noch ein Hähnchenschenkelchen? …   “  😊

Ein bisschen gefilmt habe ich auch dabei – ihn noch lebend zu sehen war zu schön:

Freie Musik zum Video:
A beautiful Memory / von Dag Reinbott / https://www.terrasound.de

Vielleicht habe ich das große Glück, ihn noch einmal sehen zu können, während dieses Erdenlebens. Er ist nun über 14 Jahre alt und das ist weit mehr, als Wölfe in der freien Natur erwarten können. Frau Dr. Ebel wird alles dafür tun, dass er es noch gut hat, bis ihn die Schöpfung nach Hause holt.

Und ich hatte noch einen persönlichen Erfolg an diesem wundervollen Tag – eine Premiere: über 10000 Schritte. Aber ihr könnt mir glauben, für ihn wäre ich noch weiter gelaufen   🙂

 

Ayla …

 

Mein Gemälde braucht nicht viele Worte :

Wie sehr mich diese Wölfin berührt, habe ich schon oft berichtet. Unter anderem hier:

https://seelenglimmern.com/2017/11/05/dieser-blick-der-bernsteinfarbene/

und hier:

https://seelenglimmern.com/2015/07/18/gluecklich-unter-woelfen/

Ayla ist einen Tag vor Weihnachten gestorben. Nun ist nur noch Scott unter uns … er ist allein und leidet