Das Milchscheinmädchen

 

Sanft, poetisch und ästhetisch beschreibt er die Liebe. Und einfach bezaubernd bringt er die Natur zum Ausdruck.

(Textauszug aus „Leuchtturmmusik“ von Andreas Séché, Seite 182/183)

Milchscheinmädchen … ich stellte es mir vor, wie es im Mondschein da lag.  Wie das ungewöhnliche Licht seinen Zauber auf sie legte. Ich begann ihren nackten, schimmernden Körper zu malen:

Wieder geht ein Jahr zu Ende

 

 

Leise geht das Jahr zu Ende
Mancher Gedanke wiegt jetzt schwer
Wieder schliesst sich ein Kapitel im Buch des Lebens
Wie viele Seiten sind wohl noch leer?

Ein Berg von Vergangenheit steht stumm hinter mir
Der Schleier des Vergessens legt sich sanft darüber
Ich blicke mich suchend um
Was davon rette ich schnell ins neue Jahr hinüber?

Ist etwas darunter, das ich schon bald vermissen würde
Wichtig für meine zukünftige Lebensweiche
Was kann ich noch davon brauchen
Damit ich sicher mein Ziel erreiche?

Ich werde nochmals alles in Gedanken durchwandern
Überlegen, was darf ich mir für’s neue Jahr erhoffen
Lohnt es sich noch, an Altem festzuhalten
Oder ist es schon gut bedacht und abgeschlossen?

Auf keinen Fall darf ich die Erfahrungen vergessen
Muss nicht zu hoch gesteckte Ziele wählen
Ob Altes weiterführen oder besser auf Neues zählen
Keinesfalls soll der Weg wieder beim Gehen quälen.

Bei jedem Mal, wenn ich irre und dann das Ziel verfehle
Stellen sich weitere Zweifel ein
Wiederholungen bringen zwar Übung
Doch darf das nicht Sinn meiner Bemühungen sein.

Ich werde darum nochmals alles neu überdenken
Ein paar Tage sind es noch bis zum Neuen Jahr
Und dann darauf hoffen, dass ich meine Ziele erreiche
Vielleicht hilft mir ja einer – das wäre wunderbar.

© chrinolo

Ein Herz für Liebe 62

 

Es gibt mindestens so viele Lieben, wie es Menschen gibt. Und jede Liebe hat auch ihre Geschichte, die oft noch lange in der Vergangenheit weiterlebt und von der sich die Menschen von Zeit zu Zeit erzählen.
Vielleicht wissen es noch nicht alle, aber so wie die Menschen Namen tragen – viele Namen sind hierbei vielfach vergeben – so tragen die Lieben Nummern. Doch jede Nummer existiert nur einmal, weil jede Liebe einzigartig ist. Kürzlich lauschte ich der Geschichte von Liebe 62, wie übel ihr mitgespielt worden war und wie sie sich doch wieder aufraffte, weiterzuleben. Denn es ist, wie wir wissen, der Liebe vorbestimmt, ewig zu leben. Dies schafft sie immer wieder mit Hilfe ihrer Freunde. Was sie dabei erlebt hat, davon erzählt diese Geschichte:

An einem wunderschönen sonnigen Frühlingstag, gerade als sich Liebe 62 von den ihr kürzlich zugefügten Verletzungen erholt hatte, trat ihre Freundin Zuversicht an sie heran und flüsterte leise:
“Du solltest dich nun wieder auf den Weg machen, denn viele Menschen erwarten dich schon ungeduldig.“
Obwohl es Liebe 62 nicht besonders gut ging und ihr Vertrauen immer noch sehr erschüttert war, wusste sie, dass sie ihrer Bestimmung folgen musste. Doch um ihre Aufgabe erfüllen zu können, brauchte sie zuerst wieder ein neues Zuhause. Eine Liebe wohnt in eines Menschen Herz. Manchmal sogar für immer.

Jedoch oft genug werden die Lieben schon nach kurzer Zeit so sehr verhöhnt und verletzt, dass sie schließlich viel zu schwach werden, um weiterhin ihre Aufgabe erfüllen zu können. Sie werden dann „sinnlos“ genannt und kurzerhand hinausgeworfen. So geschah es auch dieses mal wieder und Liebe 62 stand plötzlich ohne Zuhause da.

Da es in solch einer schwierigen Situation nicht einfach ist, ein neues geeignetes Heim zu finden, halfen ihr natürlich ihre Freundinnen und Freunde, die bereits von dem Unglück gehört hatten.

Ihre Freundin Zuversicht begleitete sie also zum Haus ihres Freundes Mut. Dieser redete Liebe 62 sehr lange und verständnisvoll zu und meinte abschließend, sie sollte unbedingt noch bei Freundin Kraft vorbeischauen, denn diese würde ihr sicher auch gerne behilflich sein. Natürlich brauchte Liebe 62 gerade jetzt viel Kraft und war dankbar, dass ihr Freund Mut daran gedacht hatte. Wie gut es doch ist, in solch verzweifelten Momenten zuverlässige Freunde zu haben.

Durch ihre Freundin Kraft gestärkt machte sich nun Liebe 62 auf den Weg und suchte einen Ort auf, an dem fast immer viele Menschen anzutreffen sind. Ganz besonders an sonnigen Frühlingstagen. Schon bald stand sie auf dem Marktplatz eines kleinen Städtchens. Mitten auf dem Platz entdeckte sie einen schönen, plätschernden Brunnen.
Zuversichtlich setzte sie sich sogleich auf den blumengeschmückten Brunnenrand, atmete tief den Duft der bunten Blüten ein und beobachtete das pulsierende Treiben. An weißen Tischen saßen einige Menschen, deren belanglose Wortfetzen und lautes Gelächter an ihr Ohr drangen. Sie schienen wohl alle ihr Herz bereits vergeben zu haben. Lange schaute Liebe 62 diese Menschen an, aber da war keine Spur von erwartungsvoller Sehnsucht zu entdecken, die gewöhnlich in den Augen liebesuchender Menschen zu lesen ist.

Eine ganze Zeitlang saß Liebe 62 so da und blickte neugierig um sich, als plötzlich jemand an ihrem Arm zupfte. Es war ihr Freund Zufall, der rein zufällig auf dem Weg war, um auch seiner Bestimmung zu folgen. Verschmitzt deutete er mit einem Kopfnicken in Richtung Parkplatz. Dort stieg gerade eine Frau aus einem kleinen Auto.
„Bei der könntest du ein wunderschönes Zuhause finden“, sagte er zu Liebe 62, „ich kenne sie. Du musst dich aber beeilen, denn gerade begegnete ich deiner Schwester, der Liebe 66, die auch auf der Suche nach einem Zuhause ist. Ich glaube, sie hat schon eines ins Visier genommen. Schau, dort kommt ein Liebesuchender gerade die Straße herunterspaziert.“ Lachend gab er ihr noch einen kleinen Schubs, damit sie endlich vom Brunnenrand rutschte und war wieder verschwunden. Zufälle kommen bekanntlich nur sehr selten und wenn schon, dann nur für ein ganz kurzes Treffen.

Liebe 62 wusste natürlich, das der Zufall nicht zufällig bei ihr wahr, sondern um sie daran zu erinnern, wie wichtig es nun war, die Chance unverzüglich am Schopf zu packen. Schnell huschte sie also über den Platz zu dem kleinen Auto.

Nun ging alles blitzschnell. Typisch für die Liebe, denn meistens ist es ja ihre Art, wie ein Blitz einzuschlagen. Liebe 62 blickte forschend in das Gesicht der Frau, deren Haar rotgold in der Sonne glänzte. Ein zaghaftes Lächeln umspielte deren Lippen und ihre blauen Augen beobachteten verträumt die plaudernden Menschen am Brunnen.

Ja, was Liebe 62 in diesen Augen alles sah, gefiel ihr. Doch offenbar nicht nur ihr, denn plötzlich stand ein Mann, der gerade noch die Straße heruntergeschlendert war, schon vor der Frau. Und dicht über ihm schwebte ihre Schwester Liebe 66.

Die Augen des Mannes leuchteten, blitzten auf und strahlten mit der Sonne um die Wette. Sie hatten die gleiche Farbe wie die Augen der Frau. Und auch er hatte dieses zaghafte Lächeln auf den Lippen. Ihre Blicke berührten sich einige Sekunden lang. Es war nur ein kurzer Moment und doch lange genug für ein geheimnisvolles Ereignis: dem Zauber der Liebe auf den ersten Blick.

Als sie das sahen, blickten sich auch Liebe 62 und Liebe 66 lächelnd an, denn es geschah etwas Wunderbares, das schönste Wunder überhaupt. Von purer Freude überwältigt und sichtlich erregt riefen sich die Beiden gleichzeitig zu:

„Hier sind wir richtig – diese Herzen nehmen wir!“

Text und Gemälde © chrinolo