Er spricht über Beziehungen, die wir zu anderen unterhalten und meint, dass wir sie in zwei Arten unterteilen können. Die alltäglichen gewöhnlichen Begegnungen, er nennt sie „Kreuzungen“, und die wichtigen tiefen Beziehungen, die intimen.
„Da gibt es die Alltagsbeziehungen ohne allzu grosses Engagement oder Bedeutung, die ich eher als „Kreuzungen“ als „Begegnungen“ nennen möchte: Der Weg eines Mannes und der einer Frau laufen immer weiter aufeinander zu, bis sie sich fast berühren; sie gehen eine Beziehung ein, aber bereits im Moment der Vereinigung beginnen sie, sich allmählich voneinander zu entfernen, bis sie sich aus den Augen verlieren. Sie haben sich gekreuzt ohne sich wirklich zu treffen.
Und da gibt es andere, intensivere und dauerhaftere Verbindungen. Zwei Wege, die sich einander annähern und eine Weile lang ein gewisses Stück parallel verlaufen. Diese Begegnungen, die, wenn sie gelingen, nicht nur tief, sondern auch innig sind, würde ich gern intime Verbindungen nennen. Ich sage immer, das Leben ist eine nichtkommerzielle, nüchterne Transaktion, in der man gibt und nimmt. Intimität hängt eng zusammen mit dem, was ich gebe, und dem, was ich empfange. Was manchmal schwer zu begreifen ist.
Die Welt ist voller Menschen, die nichts geben können und ständig etwas einfordern, aber auch voll von denen, die immer alles geben, ohne selbst je etwas nehmen zu können, weil sie glauben, mit ihrem Opfer zum Erhalt der Beziehung beizutragen. (Wenn sie wüssten, wie schrecklich es ist, jemand zur Seite zu haben, der es sich nie erlaubt zu nehmen, wären sie sicherlich erstaunt.)
Es ist eine Sache, nichts für das, was man gibt, zu verlangen, aber es ist eine andere, etwas nicht annehmen zu wollen, was man geschenkt bekommt, oder es zurückweisen, weil man meint, es nicht verdient zu haben. Tief im Innern kommen beim anderen Botschaften an wie „Was du gibst, reicht mir nicht“ oder „Du hast ja gar keine Ahnung“, Was von dir kommt ist wertlos“ oder „Deine Meinung interessiert mich nicht“.
Man muss wissen, welchen Schaden man anrichtet, wenn man sich systematisch weigert, etwas anzunehmen, das jemand anders einem von Herzen geben will.
Ein offener, nicht abreissender und grosszügiger Austausch bei wechselseitiger Hingabe ist der beste, wenn nicht der einzige Zugang zur Intimität.
Ich glaube nicht, dass jede Begegnung zur intimen Beziehung werden muss, aber ich bin der Auffassung, dass nur sie wirkliche Bedeutung hat auf dem Weg zu unserer persönlichen Selbstverwirklichung…
Wenn ich ehrlich bin, dann kommen nur diejenigen, denen ich wirklich nahe komme, in Betracht, in die Liste der Menschen aufgenommen zu werden, die meine Antwort sind auf die Frage:
„Wen wünsche ich mir als Begleiter, zumindest in diesem Moment meines Lebens?“ [….]Ich spreche nicht von Intimität als Synonym für Privatsphäre oder Sexualität, ich rede nicht vom Bett oder vom Partner, sondern von allen wichtigen, tiefgründigen Begegnungen. Ich rede von Beziehungen unter Freunden, Männern und Frauen, die in ihrer Innigkeit über den gegenwärtigen gemeinsamen Moment hinausreichen können.
Intime Beziehungen sind darauf aus, nicht an der Oberfläche zu verweilen, und dieses Streben nach Tiefe verleiht ihnen Stabilität, zu halten und die Zeit zu überdauern.
Eine intime Beziehung ist eine affektive Verbindung, die über das Gewöhnliche hinausgeht, denn sie beginnt in der stillen Übereinkunft, keine Angst vor dem Sich-Öffnen haben zu müssen, und mit der Zusicherung, sich ganz und gar als derjenige zeigen zu können, der man ist.
Das Wort Zusicherung kommt von „Sicherheit“ und gibt der Beziehung eine andere Tragweite. In einer zugesicherten Beziehung kann man sich auf das Gesagte verlassen, und man weiss von vornherein, dass man auf den anderen zählen kann.“ …
(Textauszug aus: „Drei Fragen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?“ von Jorge Bucay)
Dass man auf den anderen zählen kann … dass man sich beim anderen sicher fühlen kann. Was für eine schöne Vorstellung und was für ein schönes Gefühl, wenn es dann so ist.
Darüber hat er auch ein Buch geschrieben, das ich noch nicht gelesen habe. Ich habe mir es jedoch vorgenommen, denn ich lese gerne in seinen Büchern. Das Buch:
„Zähl auf mich“: Roman von Jorge Bucay
Leider eine verflachende Einstellung zu Alltagsbeziehungen !
So denke ich nicht – vielleicht sollte man das ganze Buch gelesen haben, um zu verstehen, was er meint.
Er schreibt auch: „… in unserem Alltag einer urbanen, westlichen Gesellschaft, kümmert sich die Mehrheit der Leute mehr um Menschen, die ihnen nicht wichtig sind, als um diejenigen, die sie von ganzem Herzen zu lieben behaupten. Wir verbringen mehr Zeit mit dem Versuch, Menschen zu gefallen, die uns nicht interessieren, als die Menschen zu erfreuen, die wir lieben. Und das ist nicht nur irritierend, sondern … beschränkt.“
Ich denke, seine Aussage hat auch damit zu tun, nicht wahr?
Danke für deine Meinung.
Ja, dieses Buch ist die Fortsetzung auf seinen Roman: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.
Der Autor, als sehr anerkannter Psychotherapeut, hat ganz viele Bücher geschrieben. Vor allem macht er deutlich, dass diese Thematik überall greift, nicht nur in seinem Land. Die Handlungen in seinen Büchern sind menschliche Lernprozesse, die er auf gekonnte Weise gut umzusetzen versteht.
Manches greift in einen über,vieles bleibt einem fremd, denn nicht alles muss auf alle zutreffen.
Aber sein Wahrheitsgehalt wird nie angezweifelt, da er aus seinem Beruf diese Erfahrungen alle schon erfahren hat.
(Nicht das du denkst, ich bin eine Klugscheißerin, grins, ich habe über 30 Jahre als Dipl.-Bibiliothekar eine städtische Bibliothek geleitet und habe demzufolge auch sehr, sehr viel gelesen…)
Dir einen feinen Sonntag
herzlichst, Edith
„Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.“ mag ich auch sehr 🙂
Ich weiss von deinem tollen Beruf, aber auch ohne dieses Wissen würde ich dich nicht für eine Klugscheißerin halten (während ich schon für eine solche gehalten werde, genauer gesagt für viel zu emotional, unvernünftig, ahnungslos, unbelehrbar, unverbesserlich und besserwisserisch. Ja, das habe ich schriftlich bekommen und ich habe mich sehr darüber gewundert 🙁 Aber ich kenne mich ja besser … 😉 )
Ich freue mich, dass du auch seine Bücher gelesen hast – ich habe da noch ein bisschen Nachholbedarf.
Ich wünsche dir auch ein gutes WE und hoffe, dass dich deine Erkältung nicht so martert.
Ganz liebe Grüssle
Christel
Wenn du solch eine Leseratte bist, und das nehme ich stark an, dann versuche dich doch einmal im Diagonal-Lesen. Dies habe ich im Studium gelernt, und so konnte ich fast jedes Buch lesen, welches ich für die Bibliothek angeschafft habe, war dann auch fähig, inhaltlich Ratschläge zu geben. Es braucht Übung, aber du wirst das schaffen. Man fängt links oben auf der Seite an und geht dann Zeile für Zeile diagonal nach unten, also in die rechte Ecke. Und so weißt du binnen Sekunden den Inhalt der Seite und immer so weiter auch dann binnen weniger Minuten den Inhalt eines ganzen Buches. Mit Lieblingsliteratur habe ich das natürlich nicht so gemacht, aber für alles andere schon… deshalb auch mein riesengroßer Leseschatz über die Jahre, lächel…
Danke dir für den Tip, das habe ich geübt und bin eigentlich recht schnell im Lesen. Es hapert nur an der Zeit, ich bin ja noch voll berufstätig und muss mich noch um all die anderen Dinge kümmern, die so anfallen. Trotzdem nutze ich so gut es geht jede Minute zum Lesen (wenn ich nicht gerade male, aber das muss auch sein). Der Tag hat einfach zu wenig Stunden *seufz*
Ja, du Liebe, die Zeit… aber gut, dass du sie dir nimmst, ich bereue dahin gehend nichts!!! Klasse, wir lesen viel, du malst und ich dichte, lach… gutes Gespann <3
🙂 <3
Danke für den interessanten Auszug und den Buchtipp, der damit verbunden ist. Ich habe noch nichts von ihm gelesen 🙂 .
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
Anna-Lena
Ich habe ihn ja auch erst vor einiger Zeit entdeckt und es gefällt mir, was und wie er schreibt. Und was mir gefällt, gebe ich gerne weiter 🙂
Herzlich Grüsse
Christel
Ein guter Text, denn in ihm steckt viel Wahres, ich werde mir diese Empfehlung von Dir vormerken. Habe übrigens auch schon mal ein anderes Buch von Bucay gelesen mit dem Titel „Der innere Kompass“ und fand es sehr gut geschrieben. Ein Autor, der meiner Meinung nach beachtet werden sollte.
Herzlich Constanze
Oh danke für deinen Tip – hab mir gleich mal „Der innere Kompass“ angeschaut. Da steht in der Beschreibung: „lehrreich, erfrischend unterhaltsam und unaufdringlich lebensklug“ – na, so etwas liebe ich doch! 🙂 … hab’s mir gleich auf mein Kindle heruntergeladen (das ist nun „Urlaubsliteratur – am Meer habe ich viel Zeit zum Lesen!).
Schön, dass dir der Autor auch gefällt.
Liebe Grüsse,
Christel
Toller Beitrag!:)