Von Mark Knopfler zu Charles Dickens : Oh it’s what it is …

 

…  Dirty Dick und Little Nell sind die Hauptpersonen in Charles Dickens’s „The old Curiosity Shop“, in Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Raritätenladen“.

Mark Knopfler erwähnt sie in seinem Song:

„On Charlotte Street I take
A walking stick from my hotel
The ghost of Dirty Dick
Is still in search of Little Nell“

und ich habe diesen Roman noch nicht gelesen – den Song kenne ich schon lange und liebe ihn:  „It’s what it is – It’s what it is now – Oh it’s what it is – What it is now, now, now  …..“  .  Der Text seines Songs ist wundervoll und erzählt über die Atmosphäre in  einer Stadt – erlebt in der heutigen Zeit an alten Plätzen.

Es kommt bei mir öfter vor, dass mich ein Buch zur Musik führt, oder auch ein Song zum Buch …

Keine Zeit für Träume, keine Zeit für die Zukunft!

 

„Während ich meinen letzten Eintrag zum Buch „Wer wir waren“ schrieb, erinnerte ich mich an Worte eines anderen Autors, Antoine Laurain, aus seinem Buch „Die Melodie meines Lebens“. Am meisten hat mich in diesem Buch das Schicksal von Pierre, dem Antiquitätenhändler, berührt. Auch für ihn drehte sich die Welt zu schnell.

In diesem Buch geht es ebenfalls um Datenfluss, Schnelllebigkeit und um die (Menschen-) Masse:
„Pierre, dessen Schaufensterarrangement immer raffiniert gewesen waren, hatte sich bei seinem letzten etwas Besonderes einfallen lassen. Mitten in der Nacht hatte sich der Antiquitätenhändler in die wundervolle Badewanne aus dem 18.Jahrhundert gelegt, die seit einigen Wochen im Schaufenster stand, und einen Cocktail aus Schlaftabletten genommen. Am nächsten Morgen erwartete die Passanten ein ergreifender Anblick: Die Badewanne war zur Hälfte mit einem weißen Laken bedeckt, Pierres Kopf, um den ein altertümlicher Badeturban gewickelt war, lag auf seiner rechten Schulter, seine rechte Hand, die den Boden berührte, hielt eine Schreibfeder, sein linker Arm lag auf dem Rand einer mit grünem Tuch bespannten Auflage, in der Hand ein Abschiedsbrief, den sein Bruder später auf der Beerdigung vorlesen würde. Pierre hatte bis ins kleinste Detail „Der Tod des Marat“, Davids berühmtes Gemälde nachgebildet.

Bildquelle Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_des_Marat 

„Das ist auf der Straße nicht ohne Wirkung geblieben, das muss man ihm lassen“, endete der Nachbar.
Seiner Meinung nach habe JBM seine Beziehungen spielen lassen, damit von diesem traurigen Spektakel nicht in den Zeitungen berichtet wurde, vor allem nicht im sensationslüsternen Parisien.“
[….]

In Roger Willemsen´s  „Wer wir waren“  las ich:
„Das Gefühl ist ein schlechter Ratgeber, sagen wir immer noch – als ob der gesunde Menschenverstand ein besserer wäre! – und stärken unser Immunsystem durch Bilder vom Schwund der Menschen, der ertrinkenden, zerbombten, ausgesetzten Menschen, die wir in keine Erzählung bringen, nicht weiterdenken, nicht weiter fühlen wollen.“

Menschen, die wir in keine Erzählung bringen, nicht weiterdenken, nicht weiter fühlen wollen!
Lediglich Sensationslust … nur ein oberflächliches kurzes Hinglotzen, das sogleich wieder von anderen Bildern überdeckt wird. Das Netz wird pausenlos damit gefüllt.

Und weiter in „Die Melodie meines Lebens“:
„Pierre, der in die Vergangenheit verliebte Antiquitätenhändler, den er damals für seine Bildung und die Anekdoten aus Frankreich bewundert hatte, hatte seinem Leben also ein Ende gesetzt. Zweifellos hatte ihn ein Bündel von privaten und beruflichen Problemen dazu getrieben, doch Alain fühlte, dass Pierres Ableben mehr bedeutete als eine private Tragödie. Die Art, wie er die Welt mit dieser pompösen Inszenierung verlassen hatte, hatte einen tieferen Sinn. „Ein Künstlerunfall“, hatte sein Nachbar gesagt. Pierres Tätigkeit war zu langsam – ein Beruf, bei dem man ganze Nachmittage verträumte, in Bildbände vertieft, während man auf den fachkundigen Kunden oder das Klingeln des Telefons wartete, war mit der heutigen Zeit nicht mehr vereinbar. Die Welt drehte sich schneller, alles musste mit Höchstgeschwindigkeit erledigt werden. Das Vergangene und die Kultur, die Pierre zur Ware gemacht hatte, fand heute immer weniger Resonanz. Wirklich, dachte Alain, während er seinen Rum trank, wer weiß denn heute, wer genau Ludwig XIII. war und was er vollbracht hat? Die Leute kennen Ludwig XIV. durch das Schloss und den Garten von Versailles, Ludwig XVI. weil er auf dem Schafott endete, und Napoleon wegen seines Hutes, seiner Kriege und der Verbannung nach St. Helena. Der Rest, das Politische wie das Kulturelle, war nur eine formlose Masse, aus der im Laufe der Zeit das heutige Frankreich hervorgegangen war und von der die Bürger nur eine ungefähre Ahnung hatten … „

Pierres Tätigkeit war zu langsam! Die Welt drehte sich schneller, alles musste mit Höchstgeschwindigkeit erledigt werden. Ein bisschen Ahnung reicht heutzutage wohl aus, an mehr ist die Masse offensichtlich nicht interessiert … hat keine Zeit dafür.

(Textauszüge aus „Die Melodie meines Lebens/ Antoine Laurain“  und  „Wer wir waren/Roger Willemsen“)

Beide Bücher haben mich sehr berührt und betroffen gemacht, in mir viele Gedanken ausgelöst  … Smartphone, Computer, TV – rauben sie uns tatsächlich zu viel Zeit für unsere Träume und unser Bewusstsein für eine lebenswerte Zukunft?
Nun, Roger Willemsen ruft dazu auf, umzudenken und zu handeln und Antoine Laurin erinnert in seinem Roman an Folgendes: „… dass wir tatsächlich alle aus demselben Material wie unsere Träume sind und dass es an uns selbst liegt, sie zu verwirklichen“.

„Where ist the wisdom we lost in knowledge? Where ist the knowledge we lost in information?“

 

Ich hatte mir Notizen gemacht über das, was ich in diesem, mich  im Innersten bewegenden Buch, gelesen hatte.  Ich habe diese Worte nicht mehr vergessen und als ich heute den Eintrag von „nichtsnutziges sonntagskind“ sah, waren mir die „warnenden“ Worte sofort wieder gegenwärtig.
https://wolfgangdannyweber.wordpress.com/2018/01/25/mein-lesestoff-003/  )

Dem Autor war es sehr ernst, uns seine bedenkenswerte Perspektive hinsichtlich  unserer Gegenwart und Zukunft zu hinterlassen. Seine Beobachtungen und Gedanken haben mich zutiefst berührt:

„Es war die Zeit, als der Vorwurf der „Affirmation“ die Höchststrafe für ein Werk sein konnte, als „Harmlosigkeit“ ein Verdikt und „Einspruch“ der dringlichste Auftrag an den geistig Arbeitenden genannt wurde. Mit diesem kostbaren Bettel sind Generationen erst in den Wohlstand gezogen, dann in die Indifferenz. Sie lebten asynchron:
In einer Zeit dachten, in einer anderen empfanden, in einer dritten handelten sie.
Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Wir durften es nicht fühlen und hörten doch T.S. Eliot fragen:
„Where ist the wisdom we lost in knowledge? Where ist he knowledge we lost in information?“. Hörten es und häuften noch mehr Informationen auf. Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre.
Das Gefühl ist ein schlechter Ratgeber, sagen wir immer noch – als ob der gesunde Menschenverstand ein besserer wäre! – und stärken unser Immunsystem durch Bilder vom Schwund der Menschen, der ertrinkenden, zerbombten, ausgesetzten Menschen, die wir in keine Erzählung bringen, nicht weiterdenken, nicht weiter fühlen wollen. [….]

Keine Zeit hat je eine Öffentlichkeit so mikroskopisch genau zerlegen und detailvergrößern können wie diese. Damit wandelt sich auch die Idee des Adressaten literarischer Botschaften, des Empfängers pathetischer Aufklärungsideen. Unsere Geschichten vervielfältigten sich ins Maßlose, unsere Empathie aber war nicht gleich stark entwickelt. Wer sollte, wer wollte noch teilhaben? Am Ende waren Sprecher, Aussendende, Bedeutung Beanspruchende überall. Da wurde zum regelrecht idyllischen Ort die Sphäre jener, die schwiegen, nicht teilnahmen, sich unscheinbar machten, sich übersehen ließen.
Es handelte sich um parallele Bewegungen: die Souveränität ging von den Staaten auf Finanzsysteme und Konzerne über. Autonomie wurde in immer kleinere Zonen zurückgedrängt, radikal verstanden: undenkbar. Zugleich aber blies sich das Individuum auf in nie dagewesener, nie möglich erschienener Datenfülle aus dem Einzelleben, das bald ein einziges großes, gleichgeordnetes Massenleben war, das sich in Massenchoreographien durch die Städte wälzte. Und während sich all dies vollzog, wurde das eigene ICH erreicht von einer Müdigkeit, einem Welken, einem Überdruss an sich selbst, dem es die letzten Selfies ohnmächtig hinterherwarf.

(Textauszug aus „Wer wir waren“ von Roger Willemsen)

Doch damit genug der „Datenfülle“, ich wollte lediglich auch nochmals auf dieses „Buch“ , das nie geschrieben wird (es ist seine „Zukunftsrede“ und leider auch als „Abschiedsrede“ zu sehen), hinweisen. Ein Nachlass, den wir beachten sollten.