Gott philosophiert nicht, aber er malt sehr gerne …

… davon bin ich fest überzeugt. Und er tut es mit grosser Liebe zum Detail. Ich bin ihm auch sehr dankbar, dass er mir diesen Blick für’s Detail mitgegeben hat, als er mich vor vielen Jahren auf dieser wundersamen Welt aussetzte. Wenn ich mich hier so umschaue, dann fällt mir auf, dass er oft die Farbe Blau wählt. Das verstehe ich, denn Blau macht glücklich, es berauscht geradezu. Ja, er will, dass ich glücklich bin, denke ich. Das wurde mir wieder schlagartig klar, als sich mir völlig unerwartet dieser Anblick bot:

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Ach, ich liebe den Moment dieses Aufjauchzens, den ich dann tief in meinem Innern fühle. Den Augenblick, wenn Bilder zu Musik werden und Musik zu Bildern …

Es blaut so blau, wenn Frühlingsblüten blühen  –  tatata-ta-ta! 🙂 … sicher ahnt ihr jetzt, welche Töne da voller Freude übermütig auf meinen kleinen Gehirnzellen herumhüpfen. Sie tanzen über ein blaues Blütenmeer unter einem strahlendblauen Horizont. Hunderte kleiner Botschafter begrüssen mich, die mir den Frühling ankündigen und meine Gedanken in Bewegung bringen. Also, das kann man jetzt durchaus als „Horizontverschmelzung“ bezeichnen … Horizontverschmelzung – was für ein klangvolles, schönes Wort.

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Ich gehe übrigens nie alleine spazieren. Oft begleiten mich Dichter, Denker und geniale Musiker, die es verstehen, GLÜCK zu beschreiben und zum Klingen zu bringen.

Einer der schönsten Texte über das Glück stammt übrigens von Hermann Hesse (der ist meistens an meiner Seite, wenn ich in der Natur herumspaziere). Er beschrieb es so:

Der Mensch,  so wie ihn Gott gedacht und wie die Dichtung und Weisheit der Völker ihn manche tausend Jahre lang verstanden hat, ist geschaffen mit einer Fähigkeit, sich zu freuen an Dingen, auch wenn sie ihm nicht nützen, mit einem Organ für das Schöne. An der Freude des Menschen am Schönen haben stets Geist und Sinne in gleichem Maße teil, und solange Menschen fähig sind, sich mitten in den Drangsalen und Gefährdungen ihres Lebens solcher Dinge zu freuen: eines Farbenspieles in der Natur oder im gemalten Bilde, eines Anrufes in den Stimmen der Stürme und des Meeres oder einer von Menschen gemachten Musik, solange ihnen hinter der Oberfläche der Interessen und Nöte die Welt als Ganzes sichtbar oder fühlbar werden kann, worin vom Kopfdrehen einer spielenden jungen Katze bis zum Variationenspiel einer Sonate, vom rührenden Blick eines Hundes bis zur Tragödie eines Dichters ein Zusammenhang, ein tausendfältiger Reichtum an Beziehungen, Entsprechungen, Analogien und Spiegelungen besteht, aus deren ewig fließender Sprache den Hörern Freude und Weisheit, Spaß und Rührung zuteil wird – solange wird der Mensch seiner Fragwürdigkeiten immer wieder Herr werden und seinem Dasein immer wieder Sinn zuschreiben können, denn der »Sinn« ist ja eben jene Einheit des Vielfältigen, oder doch jene Fähigkeit des Geistes, den Wirrwarr der Welt als Einheit und Harmonie zu ahnen. Für den wirklichen Menschen, den heilen, ganzen, unverkrüppelten, rechtfertigt sich die Welt, rechtfertigt sich Gott unaufhörlich durch solche Wunder wie dies, daß es außer dem Kühlerwerden am Abend und dem erreichten Ende der Arbeitszeit auch noch so etwas gibt wie das Erröten der abendlichen Atmosphäre und die zauberisch gleitenden Übergänge vom Rosa ins Violett, oder daß es so etwas gibt wie die Verwandlung eines Menschengesichtes, wenn es in tausend Übergängen gleich dem Abendhimmel überflogen wird vom Wunder des Lächelns … […]

Es war Morgen, durchs hohe Fenster sah ich über dem langen Dachrücken des Nachbarhauses den Himmel heiter in reinem Hellblau stehen, auch er schien voll Glück, als habe er Besonderes vor und habe dazu sein hübschestes Kleid angezogen. Mehr war von meinem Bette aus von der Welt nicht zu sehen, nur eben dieser schöne Himmel und das lange Stück Dach vom Nachbarhause, aber auch dies Dach, dies langweilige und öde Dach aus dunkel rotbraunen Ziegeln schien zu lachen, es ging über seine steile schattige Schrägwand ein leises Spiel von Farben, und die einzelne bläuliche Glaspfanne zwischen den roten tönernen schien lebendig und schien freudig bemüht, etwas von diesem so leise und stetig strahlenden Frühhimmel zu spiegeln. Der Himmel, die etwas rauhe Kante des Dachrückens, das uniformierte Heer der braunen und das luftig dünne Blau des einzigen Glasziegels schienen auf eine schöne und erfreuliche Weise miteinander einverstanden, sie hatten sichtlich nichts andres im Sinn, als in dieser besonderen Morgenstunde einander anzulachen und es gut miteinander zu meinen. Himmelblau, Ziegelbraun und Glasblau hatten einen Sinn, sie gehörten zusammen, sie spielten miteinander, es war ihnen wohl, und es war gut und tat wohl, sie zu sehen, ihrem Spiel beizuwohnen, sich vom selben Morgenglanz und Wohlgefühl durchflossen zu fühlen wie sie.

So lag ich, den beginnenden Morgen samt dem ruhigen Nachgefühl des Schlafes genießend, eine schöne Ewigkeit in meinem Bett, und ob ich ein gleiches oder ähnliches Glück noch andre Male in meinem Leben gekostet habe, tiefer und wirklicher konnte keines sein: die Welt war in Ordnung. Und ob dieses Glück hundert Sekunden oder zehn Minuten gedauert habe, es war so außerhalb der Zeit, daß es jedem andern echten Glücke so vollkommen glich wie ein flatternder Bläuling dem andern.“

Falls ihr den ganzen Text lesen möchtet, hier:  http://readersdigest.e-bookshelf.de/products/reading-epub/product-id/834265/title/%25C3%259Cber%2Bdas%2BGl%25C3%25BCck.html?autr=%22Hermann+Hesse%22

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“ … und ob ich ein gleiches oder ähnliches Glück noch andre Male in meinem Leben gekostet habe, tiefer und wirklicher konnte keines sein: die Welt war in Ordnung.“

Glück ist das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist. Nach diesem Spaziergang war die Welt für mich in Ordnung. Mir wurde bewusst, dass der Frühling im Anmarsch ist und dass Gott nun noch viel farbenprächtigere Bilder malen würde … mit seiner ganzen Liebe zum Detail.

2 Gedanken zu “Gott philosophiert nicht, aber er malt sehr gerne …

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