Vom Zwang zur „ungeselligen Geselligkeit“

Bernard Mandeville – ein lesenswerter und im besten Sinne „moderner“ Autor, las ich.
„Hätte es im London des Jahres 1714 schon Bestsellerlisten gegeben, dann wäre der oberste Platz mit Sicherheit monatelang von einem Büchlein besetzt worden, dessen Titel auf eine hübsche kleine Tiergeschichte schließen ließ. „Die Bienenfabel“ stand harmlos auf dem Umschlag dieser Broschüre. Doch der Stachel steckte im Untertitel … „

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Erinnerung! Mir ist ein älteres Foto „in die Hände gefallen“. Ich sah es mir genau an und erinnerte mich an einen älteren Blog-Eintrag, den ich mal geschrieben hatte – über Giotto und den Neid – das war 2015:
https://seelenglimmern.com/2015/07/20/welchen-einfluss-stories-auf-unser-denken-haben/

Damit begann dann wieder das Assoziieren … etwas gedanklich miteinander in Verbindung bringen. Giotto, Montaigne, Hume, Voltaire – und Bernard Mandeville!

Die Gesellschaft … Tugend, Anstand, Sitte und Moral, ja in was für einer Welt lebe ich denn?
Von ihm stammen die Worte:
„Wer wünscht, dass eine goldene Zeit zurückehrt,
sollte nicht vergessen: Man musste damals Eicheln essen.“

Ich schaute wieder dieses Foto an und erinnerte mich, dass sie ziemlich lange auf der Blüte sass – ja, manche können nicht genug kriegen, beladen sich mit so viel Last, dass sie kaum noch fliegen können – und hatte das Bedürfnis, nochmals die „Bienenfabel“ zu lesen:

Die Bienenfabel – hier: http://homepage.univie.ac.at/charlotte.annerl/texte/bienenfabel.pdf

Es ist nach wie vor aktuell, was ich da lese. Und die Moral von der Geschicht:
Menschen lernen aus ihren Lektionen nicht!
Die Worte alter Meister, verscheuchen sie wie unerwünschte Geister.
(das sind Worte von mir!)

Viele Antworten stecken in Mandeville’s Bienenfabel. Vielleicht für den einen oder anderen ein Anreiz, mal wieder darüber nachzudenken? Im Bezug auf das menschlichen Miteinander?

In einem interessanten Artikel las ich gerade:
„Es gibt nichts so allgemein Unverfälschtes auf Erden wie die Liebe, die jedes Geschöpf, das ihrer fähig ist, zu sich selbst hegt. Da es ferner keine Liebe ohne gleichzeitiges Streben nach Erhaltung des geliebten Gegenstandes gibt, so wird man in keinem lebenden Wesen etwas finden, was aufrichtiger gemeint wäre als sein Wille, Wunsch und Bemühen, das eigene Selbst zu erhalten. Dies ist ein Naturgesetz.“
Der Selbsterhaltungstrieb, der die Konkurrenz zu anderen Menschen einschließt, klammert damit aber nicht die Neigung zur Geselligkeit aus. Allerdings erkennt Mandeville beim zwischenmenschlichen Umgang weder einen allgemeinen Trieb zur Geselligkeit noch zu altruistischen Handlungen. Zwar sei der Mensch ein Lebewesen, das sich mit seinesgleichen zu großen Gesellschaften vereinen könne; dies aber, meint Mandeville, geschehe keinesfalls aus persönlicher Zuneigung. Das wahre Motiv für eine Zusammenkunft mit anderen sei das Eigeninteresse – das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Gruppe und das Unbehagen in der Isolation. Mandevilles Zeitgenosse Immanuel Kant spricht in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht in diesem Zusammenhang vom Zwang zur „ungeselligen Geselligkeit“. Und:

„Mandeville, der Arzt und Philosoph, hatte große Mühe, seine Thesen und Vorschläge unter die Leute zu bringen. Er stieß gegen Mauern. „Die kurzsichtige Menge kann in der Kette der Ursachen selten weiter sehen als ein Glied“, schrieb er. „Die aber ihren Blick darüber hinaus zu richten vermögen und sich die Muße gönnen, das ganze Schauspiel zusammenhängender Ereignisse aufmerksam zu betrachten, können immer und immer wieder finden, wie Gutes aus Üblem entspringt und sich entwickelt wie das Hühnchen aus dem Ei.“
( http://www.zeit.de/2014/25/bernard-mandeville-bienenfabel-wirtschaftsliteratur/seite-2 )

“ sich die Muße gönnen, das ganze Schauspiel zusammenhängender Ereignisse aufmerksam zu betrachten, können immer und immer wieder finden, wie Gutes aus Üblem entspringt und sich entwickelt wie das Hühnchen aus dem Ei.“  … keine schlechte Idee, nicht wahr? 🙂

3 Gedanken zu “Vom Zwang zur „ungeselligen Geselligkeit“

  1. Danke für Deinen interessanten und wissenswerten Text. Vermutlich fällt es uns auch deshalb so schwer, langfristige Dinge in unser Denken zu integrieren, weil es uns an der praktischen Erfahrung damit fehlt. So bis zu 100 Jahren schaffen wir es vielleicht in Ansätzen, aber darüber hinaus?

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    • Da magst du recht haben. Da hilft nur Üben … hmm – viel Denkarbeit! Mir fällt Hesse ein:
      „Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen als bis sie es können.“ Ist das nicht witzig? Natürlich wollen sie nicht schwimmen! Sie sind ja für den Boden geboren, nicht fürs Wasser. Und natürlich wollen sie nicht denken; sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken!
      – Hermann Hesse, Der Steppenwolf
      🙂

      Gefällt 1 Person

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